Manchmal braucht es nicht viel: der Geruch der frühmorgendlichen Luft, ein fast vergessener Song oder eine Fotografie, und schon fühlen wir uns zurückversetzt. Wenn der spontane Spaziergang durch die eigene Vergangenheit starke Emotionen auslöst, ja fast eine Sehnsucht, dann sprechen wir von Nostalgie. Mit aller Macht versetzen unsere Synapsen uns in einen bereits erlebten und gefühlten Moment. Oft gibt uns das Halt, Wohlbefinden oder einfach neuen Schwung für den Tag, denn im Normalfall sind diese spontanen Erinnerungsschübe von starken positiven Gefühlen geprägt.

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Nostalgie: Markenstrategie, aber auch starker Halt

Das 21. Jahrhundert ist trotz all des Fortschritts, forciert durch die Digitalisierung, eine Epoche des „Zurückfühlens“. Das sentimentale Zurückgreifen auf bereits durchlebte Emotionen bestimmt unser Konsumverhalten. Die Laufstege in Mailand, Paris und New York lassen die 70er und 80er Jahre immer wieder aufleben. Sogar die 90er sind bereits wieder en vogue.

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Die Fotografie, die technisch von rasantem Fortschritt geprägt ist, ist ein Paradebeispiel für unsere Nostalgie-Vorliebe. Wir schießen mit Hightech-Kameras, deren Gehäuse im Retrolook designed sind, knackscharfe Bilder, um ihnen im Nachgang ein altes Styling zu verpassen. Wir sitzen in unserm Wohnzimmern auf Designklassikern aus den 80er Jahren, fahren Retro-Fahrräder und greifen sogar Frisuren aus vergangenen Jahrzehnten wieder auf. Nostalgie ist Gegenwart, die wir in unserem Befinden, aber auch in unserer alltäglichen Umgebung jeden Tag erleben.

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Die physischen und psychischen Leiden der Nostalgie

Wenn wir auf das aktuelle Verständnis der Nostalgie blicken, dann müssen wir zwangsläufig auch in vorherige Jahrzehnte und Jahrhunderte blicken. Die Sehnsucht nach dem Vergangenen war nicht immer positiv belegt. Der „Erfinder“ der Nostalgie, der Schweizer Mediziner Johannes Hoffer, etablierte den Begriff, um die psychischen und physischen Leiden von Soldaten zu beschreiben, die in der Fremde ihren Dienst taten. Nostalgie war zunächst, so seine Theorie, eine Nervenkrankheit, die zu obsessiven Gedanken an die Heimat, zu Schlaflosigkeit, Appetitstörungen, Weinkrämpfen, Herzrasen und sogar zum Tode führen könne.

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Im frühen 20. Jahrhundert änderte Sigmund Freud diese Ansichten ein wenig. Die Nostalgie war nun keine neurologische Störung mehr, sondern eine psychiatrische. So wurde sie als Form der Melancholie oder Depression bezeichnet. Getreu dem Motto, wenn man sich an der Vergangenheit festhält, generiert man zugleich Zukunftsängste.

Eine Emotion feiert ihr Comeback

Wie also kann es sein, dass die Beschreibung eines Gefühlszustands ein solches Comeback hinlegt? Von einer Krankheit dämonischen Ausmaßes zu einem Marketing-Massenphänomen. Die Antwort liegt natürlich in der Forschung. Während die Ansätze vergangener Epochen recht Unwissenschaftlich betrachtet wurden, hat die Wissenschaft in der vergangenen Dekade den Zustand der Nostalgie systematisch erforscht.

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Das bedeutsame Gefühl, welches durch Erinnerungen hervorgerufen wird, ist seither mit typisch positiven Erlebnissen verbunden, wie zum Beispiel eine Beziehung zu einem wichtigen Menschen, die Entdeckungen der Jugend oder erfreuliche einschneidende Erlebnisse. Die Forschung ist inzwischen auf dem recht einstimmigen Stand, dass Nostalgie eine soziale emotionale Erfahrung ist, die Beziehungen zu vertrauten Menschen in den Mittelpunkt stellt und dadurch grundsätzlich von positiven Gefühlen gekennzeichnet ist. Der Mensch ist kein Einzelgänger. Wir möchten unsere Erlebnisse mit geliebten Menschen teilen. Genau dies sind zumeist die Momente, in welche uns die Nostalgie zurückversetzt.

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Nostalgie in der Fotografie

Die Frage, warum gerade in der Fotografie die Nostalgie so stark verankert ist, lässt sich sicherlich recht komplex erklären, aber glücklicherweise auch recht simpel. Ein Foto ist immer ein Abbild der Vergangenheit. In dem Moment, in dem wir auf den Auslöser gedrückt haben, lebt der Moment für Millisekunden auf dem Prozessor oder auf dem Film. Dennoch ist er sogleich auch Vergangenheit. Es gibt kein Bild der Gegenwart. Auch eine Darstellung der Zukunft bleibt eine vermutete Betrachtungsweise aus der Vergangenheit. Bilder wollen uns in einen vergangenen, nostalgischen Zustand versetzen. Es liegt in ihrer DNA, denn dadurch werden sie emotional.

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