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Vor gut einem Jahr ist der britische Fotograf Alun Richardson (59) zu uns gestoßen. Wir waren sofort begeistert von seinen außergewöhnlichen Landschaftsaufnahmen, oft auch in Kombination mit Menschen. Alles real, lebensnah, authentisch und häufig sehr atmosphärisch.
Warum Alun das raue Klima bevorzugt, wie wichtig es sein kann, sich vor dem Auslösen Gedanken über das Motiv zu machen und wie er den Weg zu Westend61 fand, hat uns Alun im Interview verraten.

Lieber Alun, du bist nicht nur Fotograf, sondern auch Autor und Bergführer und scheinst viel in der Welt herumzukommen. Das klingt nach einem Traumberuf – ist das so?
Ja, meistens ist das so. Das Beste an meinem Beruf sind die Menschen, die mir durch ihn begegnen und die schönen Orte, an die er mich führt. Doch längere Zeiträume weit weg von Familie und Freunden zu sein ist manchmal schwierig für mich. Und schlechtes Wetter und körperliche Anstrengungen können einem das Leben schon mal schwer machen. Doch ohne schlechtes Wetter gäbe es keinen dramatischen Himmel, der Bildern etwas majestätisches verleiht.

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@ Alun Richardson/Westend61

Viele Fotografen die wir kennen, haben vorher in anderen Bereichen gearbeitet und die Fotografie erst später im Leben entdeckt und zu Ihrer Profession gemacht. Wie war das bei dir?
Ich habe die meiste Zeit meines Arbeitslebens damit verbracht, während meiner Kletterausflüge Bilder zu schießen. In den Anfängen meiner fotografischen Karriere kam ich zurück von Expeditionen und war eher enttäuscht von meinen Fotos. Dann, vor ca. zehn bis zwölf Jahren, habe ich angefangen, die Fotografie ernsthafter zu betreiben und habe mit einigen professionellen Fotografen zusammengearbeitet, die mir gezeigt haben, die Kamera richtig einzusetzen und warum einige Bilder besser sind als andere. Heute bemühe ich mich um einzigartige Bilder, die aussagekräftige Momente einfangen.

Viele deiner Fotos sind sehr atmosphärisch und haben etwas Magisches. Die meisten sind in einsamen und kalten Landschaften entstanden, zum Beispiel im Himalaya. Üben diese extremen Bedingungen eine besondere Faszination auf dich aus? Wenn ja, warum?
Generell reizt es mich, an jedem Ort zu fotografieren, aber um die besten Bilder zu machen, muss man als Fotograf verstehen, in was für einer Umgebung man sich befindet. Ich habe dreißig Jahre damit verbracht, wilde Orte zu erkunden – von den Alpen über den Himalaya bis hin zur Arktis. Ich versuche, dramatische Landschaften und die Menschen vor Ort so einzufangen, wie sie wirklich sind. Ich liebe die Tage kurz vor oder nach einem aufziehenden Sturm und die Momente, die einen zum Staunen bringen und genieße die Herausforderung, in unbekanntem Terrain tätig zu sein, wenn die Temperaturen fallen und die Luft so klar wird.

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@ Alun Richardson/Westend61

Wie wichtig ist für dich die Arbeit draußen in der Natur?
Ich bin definitiv draußen glücklicher als in einem Studio. Das Licht und die Bedingungen zum Fotografieren ändern sich ständig, genauso wie die Umgebung und die Menschen. Diese beiden Aspekte sind gleichermaßen faszinierend wie frustrierend.

Auf welches Equipment reduzierst du dich, wenn es darum geht, bei einer Bergtour möglichst wenig Ballast zu haben? Oder anders gefragt: Was darf auf keinen Fall fehlen?
Die Balance zwischen Gewicht und Qualität des Equipments zu finden ist ein Problem, das mich regelmäßig beschäftigt. Während meiner Trekking-Trips in den Bergen nehme ich zwei Nikon-Bodies, drei Objektive, Stativ, Filter und vieles mehr mit. Man braucht Spitzen-Optiken um qualitativ hochwertige Fotos zu schießen und eine mit Handschuhen einfach zu bedienende Kamera, die es erlaubt, Einstellungen zu wechseln ohne das Menü benutzen zu müssen. Die Kameras müssen außerdem eine Menge aushalten! Auf den technisch anspruchsvollen Berg- und Ski-Expeditionen kann ich normalerweise nur meine treue Nikon D800 und ein 24-70mm ED Objektiv tragen, aber momentan experimentiere ich mit der Fuji XT1 und einem 18-55mm Objektiv, was sehr viel leichter ist. Die Zeit wird zeigen, ob diese meinen hohen Ansprüchen genügt und mit der D800 mithalten kann.

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@ Alun Richardson/Westend61

Erzähle uns eine Geschichte von deinen Reisen. Eine, die dich immer noch zum Lachen bringt oder eine, bei der du immer noch Gänsehaut bekommst.
Es gibt viele Geschichten von meiner Bergsteigerei, manche fröhliche, manche traurige. Eine jedoch hat meine Beziehung zur Fotografie verändert: Ich habe auf einer Brücke in Kathmandu ein junges, hübsches, aber blindes Mädchen beim Betteln fotografiert. Während ich das Foto schoss, wurde mir klar, dass dies ihr Leben ist und sein wird – für immer. Das trieb mir die Tränen in die Augen. Als ich zurück nach Hause kam war ich von dem Foto enttäuscht, denn es hatte keine Aussage. Das Motiv, das ich hätte fotografieren müssen, wäre die junge Frau am Boden, zwischen den ganzen unscharfen Beinen der vorbeilaufenden Passanten gewesen, die sie alle ignorierten, ja die sie nicht einmal wahrnahmen. Dieses Erlebnis öffnete mir die Augen und ließ mich erkennen, dass ein Bild eine Geschichte erzählen kann, wenn man ein wenig überlegter an die Sache herangeht. Jedes Mal wenn ich nach Nepal zurückkehre, gehe ich nun zu dieser Brücke und versuche, genau das Bild einzufangen, das ich gerne haben möchte.

Welches Land fesselt dich am meisten und wohin würdest du immer wieder zurückehren?
Das ist ganz klar Grönland, weil das Licht dort fantastisch und die Luft so klar ist. Nepal ist meine zweite Wahl; die Menschen dort sind wundervoll und die Landschaft ist sehr dramatisch. Ich bin aber auch sehr gerne in kleineren Gebirgen und auf dem Land in Großbritannien unterwegs, speziell an der Küste und in Nordwestschottland.

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@ Alun Richardson/Westend61

Du hast sehr viele Jahre Erfahrung als Fotograf, Autor und Reisender. Gibt es Trends in der Outdoor-Fotografie, hat sich die Bildsprache in den letzten Jahren geändert? Was ist deiner Meinung nach momentan angesagt?
Ich bin regelmäßig enttäuscht und fasziniert von der Fotografie, die ich in Magazinen und in Ausstellungen sehe – enttäuscht bin ich davon, dass die Medien Mittelmäßigkeit akzeptieren, Hauptsache, ein Bild kostet nichts. Aber mir ist auch bewusst, wie viele großartige Fotografen es gibt. Um sich abzuheben, muss man heutzutage einzigartig sein und das ist es, was ich versuche. Mit dem Einzug der digitalen Bildbearbeitung sind die Rollen des Fotografen und Grafikers miteinander verschmolzen. Entsättigte Motive und HDR-Fotos scheinen momentan im Trend zu liegen.

Bitte zeige uns eines deiner persönlichen Lieblingsmotive aus deinem Portfolio und erzähle uns, wie es entstanden ist!
Dieses Motiv zu schießen war schwierig. Zuerst musste ich meine Kunden auf den Gipfel bringen, dann bin ich alleine wieder runter und auf einen benachbarten Gipfel geklettert. Ich habe eine Reihe von Aufnahmen gemacht und sie in Photoshop zu einem Panorama zusammengesetzt. Das Bild erfasst die Weite und Schönheit von Südostgrönland.

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@ Alun Richardson/Westend61

Gehört Bildbearbeitung – abgesehen von kleineren Korrekturen – für dich zur Digitalfotografie dazu?
Die Bildbearbeitung kann sehr wichtig sein. In die Berge kann ich nicht immer ein Stativ und Filter mitnehmen, also belichte ich auf die Lichter, um die Zeichnung in den hellen Bereichen des Bildes zu bewahren, was aber zur Folge hat, das ich oft Details zurück in die Tiefen bringen muss, was dann unglücklicherweise zu Bildrauschen führt. Dies kann nur durch Nachbearbeitung oder ein gut gemachtes HDR korrigiert werden. Ich werde auch von Sensorschmutz geplagt und Kopierstempel sind hierfür fantastische Werkzeuge. Ich bin kein Fan von übersättigten Bildern und der Markt ist momentan überschwemmt von ‚gelbem Gras’. Ich versuche bei meiner Art der Bildbearbeitung den Fotografen der alten Schule und ihren Techniken aus der Dunkelkammer nachzueifern.

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@ Alun Richardson/Westend61

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@ Alun Richardson/Westend61

Neben der Fotografie schreibst du auch und betreibst einen eigenen Blog. Wie wichtig ist für dich die Präsenz im Internet und welche Social-Media-Kanäle sind für dich von Bedeutung ?
Ich beschäftige mich tatsächlich erst jetzt eingehender mit Social Media und fange an, zu experimentieren, für welche Zwecke es mir nützlich sein kann. Es ist schwierig für mich, Zeit für effektives Bloggen zu finden, aber zuletzt habe ich es mit Instagram versucht.

Verrätst du uns deine Pläne für 2016?
Momentan bin ich als Guide und Fotograf in Schottland unterwegs. Im März mache ich eine Skitour im Écrins-Massiv, den April werde ich damit verbringen, für Magazine zu schreiben und Bilder zu Westend61 hochzuladen. Den Juni und Juli verbringe ich als Guide in den Alpen und leite Foto-Workshops. Im August kehre ich nach Grönland zurück und den Oktober verbringe ich im Himalaya. 2016 ist ein arbeitsreiches Jahr für mich, denn ich bereite mich darauf vor, mit den Gurkhas (nepalesische Soldaten) zum Everest zurückzukehren um Ihren Versuch einer Gipfelbesteigung zu dokumentieren. Die Zeiträume zwischen meinen Reisen sind verplant mit Auftragsarbeiten für Magazine und anderen Foto-Projekten.

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@ Alun Richardson/Westend61

Und zu guter letzt: Warum ist Westend61 die richtige Heimat für deine Bilder?
Westend61 wurde mir von einem anderen Profifotografen empfohlen. Ich habe mir seinerzeit mehrere Agenturen angeschaut, aber Westend61 war angenehm im Kontakt und hat mich überzeugt. Auch haben sie mir reichlich Rat und Unterstützung gegeben. Der Upload- und Editing-Prozess ist ebenfalls klar und einfach strukturiert, was mir dabei hilft, mein umfangreiches Arbeitspensum zu bewältigen.

Alun, vielen Dank für das Gespräch!