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Das Steckenpferd von Susan Brooks-Dammann, 41, ist die Foodfotografie. Ihre Bilder sind minimalistisch inszeniert und lenken den Betrachter auf’s Wesentliche. Die gelernte Kunsthistorikerin und leidenschaftliche Bloggerin kam eher zufällig zur Fotografie. Wie sie dazu kam, warum sie die Konkurrenz nicht scheut und welche Rolle ihr Mann für ihre Fotografie spielt, erzählt sie uns im Interview.

Liebe Susan, warum zum Teufel so viel Food-Fotografie? Das macht macht doch jeder, wenn auch nicht so schön wie du.
Tja, die Foodfotografie ist mir irgendwie ans Herz gewachsen. Sie ist zum einen schön unkompliziert: Ich komme schnell an meine Zutaten ran, brauche nicht lange herumzufahren um geeignete Locations zu finden, brauche mich nicht über unzuverlässige Models ärgern, kann – je nachdem, wie viel Zeit ich investieren will – ein schnelles Shooting mit irgendwelchem Obst und Gemüse machen oder ein tolles Essen zubereiten und das auch noch Arbeit nennen!
Zum anderen war es am Anfang eine Zeitfrage. Heute ist mein Sohn schon etwas größer, aber als ich in die Foodfotografie eingestiegen bin, stand die Frage der Kinderbetreuung im Raum. Und um da nicht in die Bredouille zu kommen, da ich ja jeden Tag nur wenig Zeit hatte, aber unbedingt fotografieren wollte, waren entweder Food oder Still – oder beides – am Naheliegendsten.
Dass das jeder macht, stört mich nicht wirklich. Ich kann mich davon inspirieren lassen, denn es gibt ganz fantastische Foodfotografen mit ganz fantastischen tollen Ideen. Auf der anderen Seite spornt es mich an, immer bessere Fotos zu machen.

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

Du bist gelernte Kunsthistorikerin. Wie kommt man da zur Fotografie, man würde doch eher erwarten, dass du zum Beispiel in einem Verlag arbeitest?
Oh, nein danke! Tatsächlich wurde mir leider erst nach dem Studium klar, dass ich keine Ahnung hatte, was ich mit damit anfangen wollte. An der Uni bleiben oder im Museum bzw. in einer Galerie arbeiten kam für mich nicht in Frage. Reine Schreibtischarbeit ist mir schlicht und ergreifend zu dröge. Ich brauche schon einen gewissen kreativen Freiraum und mag Abwechslung, die ich jetzt habe: Ich koche und backe, ich dekoriere, ich mache mein Essen hübsch, ich kümmere mich um das richtige Licht, ich kann aber auch am Schreibtisch arbeiten, Bilder bearbeiten, langweiligen Papierkram machen, wenn mir danach ist und, wenn ich Lust auf Landschaftsfotografie habe, auch einfach raus in die Natur gehen.
Dass ich gerade auf die Fotografie gestoßen bin war Zufall, denn eigentlich hatte ich vorgehabt, nach dem Abschluss in den journalistischen Bereich einzusteigen, was ja ebenfalls eine naheliegende Wahl bei dem Studium war. Ich bin jedoch mit meinem Mann noch während meiner Dissertation ins Ausland gegangen, wo ich obendrein relativ schnell schwanger geworden bin. Ich habe nach der Geburt meines Sohnes angefangen zu fotografieren, um zwischen Haushalt, Dissertation und Stillen nicht komplett verrückt zu werden und mir wurde dabei klar, dass ich gerne dabei bleiben würde anstatt zu schreiben. Ich habe allerdings lange gezögert, in die Stockfotografie einzusteigen, weil ich befürchtet hatte, dass ich mein liebstes Hobby schnell satt haben würde. Aber so war es nicht. Jetzt kann ich nur sagen, es war genau die richtige Entscheidung.

Ich kann mir vorstellen, als Kunsthistorikerin gehst du anders an die Fotografie heran, lässt dich vielleicht von Strömungen in der Kunst beeinflussen oder hast einen besonderen Sinn für die Ästhetik, die Farben, Formen und Proportionen. Stimmt das oder liege ich da daneben?
Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es besteht ein immenser Unterschied zwischen Theorie und Praxis, was ja auch der Grund ist, wieso Künstler immer ein wenig auf Kunsthistoriker und Kunstkenner herabschauen. Ich würde gerne behaupten, dass es so ist, da ich zum Beispiel mit einer recht guten Kenntnis darüber, wie Bilder und wie unser Sehen funktionieren, in die Fotografie gerutscht bin. Doch das praktisch umzusetzen, was man theoretisch weiß, ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

Was ich vielleicht von mir behaupten kann, ist durch die Beschäftigung mit Kunst zu wissen, wie wichtig es ist, den Betrachter im Bild zu lenken, so dass dieser immer auf das schaut, was im Bild wesentlich ist -egal, um was für ein Bild es sich handelt. Dadurch habe ich es von vornherein vermieden, Bilder mit Deko zu überladen. Und es stimmt, wahrscheinlich habe ich tatsächlich Farbtheorien und Proportionslehre immer noch im Hinterkopf, wenn ich Bilder kreiere.

Nochmal zurück zur Ästhetik. Ich finde dein Food-Styling außerordentlich gut und geschmackvoll. Wo besorgst du die vielen Accessoires? Tausend verschiedene Bretter, Teller, Tücher, Tischdecken, Messer, Gabeln und so weiter?

Susan bei der Arbeit

Susan bei der Arbeit

Oh, danke für die Blumen! Die Accessoires sammeln sich über die Jahre an. Die Bretter für die Hintergründe bearbeite ich oft selbst, manchmal sind es auch Fundstücke. Mein Mann hält mich für leicht durchgeknallt, weil ich auch mal mit einer alten, angeschrammelten Tür nach Hause komme, die ich in irgendwelchen Gassen gefunden habe. Oft finden sich schöne Dinge beim bekannten Online-Auktionshaus. Unter dem Stichwort „Silberschrott“ habe ich zum Beispiel einmal für wenig Geld zwei Kilo Besteck ersteigert. Manchmal findet sich auf dem Flohmarkt was Hübsches, einiges habe ich bei meiner Oma gefunden, ansonsten schaue ich auch immer mal in Deko-Läden rein. Ich achte darauf, dass die Sachen eher schlicht sind, so dass ich sie gut kombinieren kann – außerdem tendiere ich sowieso zum Minimalismus und versuche, meine Fotos nicht zu überladen. Übrigens ist das auch ein toller Weg, der doch sehr weiblichen Lust an allem möglichen Schnickschnack zu frönen – und das ganz ohne schlechtes Gewissen, weil: Es ist ja Arbeit 🙂

Beim Foodstyling geht ja der Trend weg von allen möglichen Mittelchen, die das Essen zum Glänzen bringen und etwas länger konservieren. Isst du die schönen Sachen nach dem Fotoshooting?
Ja, mein Fotofood ist fast durchgehend essbar. Letztes Jahr habe ich spaßeshalber mit künstlichem Eis experimentiert, das aber schnell wieder sein gelassen, weil ich es im Nachhinein zwar ganz lustig fand, aber nicht wirklich zufriedenstellend. Ich muss aber gestehen, dass ich durchaus – wenn auch sehr selten – mogle. Letztens habe ich zum Beispiel Bärlauch im Wald gesammelt. Mir wurde vom Geruch schon schlecht, ich wollte aber den Bärlauch unbedingt im Foto haben, schließlich war ich ja deswegen im Wald unterwegs! Also habe ich bei der Suppe und dem Pesto gemogelt und nur das Nötigste getan, damit es zumindest appetitlich und nach was Essbarem aussieht ohne mir die Mühe zu machen, es wirklich lecker zuzubereiten. Streng genommen hätte man das zwar essen können, aber…
Was die geringe Halbwertszeit einiger Gerichte und Zutaten angeht: Es ist wichtig, sich gut vorzubereiten, wenn es um Eis oder schnell verwelkende Kräuter geht. Wenn alles am richtigen Platz und bereitgestellt ist, dann kann das Shooting selbst in wenigen Minuten über die Bühne gehen.

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

Arbeitest du vorwiegend mit natürlichem Licht oder Studiolicht?
Ich arbeite mit natürlichem Licht und Reflektoren, habe mir aber für den Herbst den Einstieg in die Studiofotografie vorgenommen, da es im Winter doch arg dunkel wird und mich das manchmal sehr ungleichmäßige Licht ärgert, das zum Fenster hereinfällt.

Wie wichtig ist bei dir die Bildbearbeitung? Holst du da das letzte Quäntchen an Stimmung heraus?
Die Bildbearbeitung ist natürlich sehr wichtig. Ich bin inzwischen weg vom extremen Filtern und bemühe mich, das Food auf den Fotos sehr natürlich, frisch und appetitlich aussehen zu lassen – und dazu ist Bildbearbeitung nötig. Ein wenig mehr an Kontrasten, ein wenig helleres Licht, ein wenig tiefere Schatten und schon sieht alles noch ein wenig verlockender aus. Was ich nicht mache ist Bildmanipulation. Alles, was über das notwendige Klonen hinausgeht, weil ich mal wieder Flecken, Fuseln oder Krümel übersehen habe, lasse ich lieber sein. Dazu fehlt mir die Geduld.

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

„Food“ ist ja ein hart umkämpftes Feld im Bereich der Stockfotografie. Gefühlt wirft eine fünfstellige Zahl an Foodfotografen Bilder auf den Markt. Warum hast du dich trotzdem auf diese Herausforderung eingelassen? Was reizt dich daran?
Um ehrlich zu sein: Anfangs war mir das gar nicht so sehr klar. Später hat es mich unglaublich frustriert, so sehr, dass ich mehr als einmal nahe dran war, alles hinzuwerfen. Inzwischen denke ich „Jetzt erst Recht!“. Ich habe in dieser Beziehung einen gewissen Dickkopf entwickelt. Wahrscheinlich weil man schon sehr früh versucht hat, mir Dinge auszureden, die ich mir in den Kopf gesetzt habe, weil ich angeblich nicht fähig genug sein sollte oder – wie in diesem Fall – es durch die riesige Konkurrenz fast hoffnungslos aussieht, sich in diesem Feld durchzusetzen. Aber würden mich diese Hindernisse interessieren, würde ich heute ohne Schulabschluss in einem Supermarkt an der Kasse sitzen.

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

Ich finde es wichtig, nicht sofort die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil es anfängt, schwierig zu werden. Man muss bereit sein, an sich zu arbeiten, sich zu verbessern und sich anzupassen ohne sich komplett zu verbiegen. Denn dass Qualität sich auch heute noch auszahlt, in Zeiten, wo Bilder fast umsonst zu bekommen sind, sieht man ja. Ich muss aber auch zugeben,  in der glücklichen Lage zu sein, dass mein Mann mich sehr unterstützt und mir immer wieder gut zuredet, weiterzumachen.

Sind unsere Briefings und Diskussionen innerhalb der Westend61-Community hilfreich für dich?
Absolut. Ohne die Hilfestellung von Westend61 hätte ich viel länger gebraucht, um mitzubekommen, welche Art von Bildern sich verkaufen lässt und welche nicht. Ich habe zum Beispiel bis vor kurzem gerne sehr dunkle Bilder gemacht, da das sogenannte „Mystic Light“ mich fasziniert hat. Aber dunkle Bilder sind nicht besonders gefragt. Im Briefing zum Thema Food wurde das erwähnt, also mache ich jetzt auch helle Bilder. Sie sehen frischer aus. Ich mag sie inzwischen auch lieber. Zudem kann ich mich ganz gut an den Themenlisten entlanghangeln, wenn ich einen kreativen Durchhänger habe. Die Diskussionen der Westend61-Community sind gerade das, was die Agentur so nahe erscheinen lässt. Man arbeitet nicht als Nummer für irgendeine Firma, sondern mit Leuten, die engagiert hinter der Sache stehen und ihre Fotografen auch noch ernst nehmen. Das gibt es nicht bei vielen Agenturen. Es motiviert enorm.

Planst du auch in andere Bereiche der Fotografie stärker einzusteigen oder wirst du weiterhin den Großteil deines Portfolios mit Foodfotos bestücken?
Ich habe ja noch ein paar Reisefotos und Landschaftsfotos im Programm und werde natürlich auch weiterhin meinen Schwerpunkt auf die Foodfotografie legen.

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

© Susan Brooks-Dammann/Westend61

Was ich gerade überlege, ob ich nicht doch irgendwann mal Menschen und Lifestyle als Ergänzung fotografieren will.
Ich habe aber gerade ein gutes halbes Dutzend Projektideen im Kopf herumschwirren, daher weiß ich nicht, wann ich das in Angriff nehmen werde.

Kommen wir zur letzten Frage: Warum ist Westend61 die richtige Heimat für deine Bilder?
Das sagte ich weiter oben schon: Man fühlt sich als Fotograf ernst genommen. Man hat Ansprechpartner, an die man sich immer wenden kann, wenn ein Problem oder eine Frage auftaucht. Die Agentur wiederum kommt auch auf ihre Fotografen zu, wenn irgendetwas schief läuft: Man wird nicht alleine gelassen, bekommt Tipps und Hilfe. Ich fotografiere ja noch für weitere Agenturen und kenne das von anderen in der Form nicht. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass ich auf Westend61 gestoßen bin.

Liebe Susan, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Susan Brooks-Dammann führte Gerald Staufer.