Als Westend61 vor etwas mehr als zwei Jahren die SMART Collection in’s Leben gerufen hat, fühlte ich mich dazu berufen, meinen Beitrag zu leisten. Für fast zwei Monate habe ich nahezu ausschließlich mit meinem Smartphone, damals ein iPhone 4S, fotografiert.

Diese Zeit war eine sehr intensive Erfahrung, weil der Verzicht auf Zoom-Objektive schon eine Herausforderung an sich ist. Vor allem aber „kämpft“ man bei der Smartphone-Fotografie darum, mit der begrenzten Technik trotzdem ansehnliche Ergebnisse zu erzielen. Und dass ein Bildsensor in der Grösse eines (kleinen) Fingernagels nicht dieselbe Qualität zu bieten hat wie ein Sensor mit 35mm-Grösse, dürfte jedem bewusst sein. Daher ist man zwangsläufig viel stärker mit dem Motiv selbst beschäftigt – in welchem Winkel, in welcher Form, in welchem Licht lässt sich das Motiv auch mit einem Smartphone sinnvoll ablichten?

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© Michael Zwahlen/ Westend61 SMART Collection

Hinzu kommen dann die Möglichkeiten der Bildbearbeitung – dabei gibt es zwei Ansätze: Einerseits kann man natürlich versuchen, das Optimum aus den Möglichkeiten herauszuholen und die Schwächen der kleinen Kamera auszubügeln. Oder man kann die Fehlerhaftigkeit des Systems bereitwillig annehmen und sie sogar noch überspitzen – mit Ecken und Kanten, Filtern und Effekten, in Farbe oder schwarz-weiss. Ganz herrlich unperfekt, mit etwas Wehmut an vergangene Zeiten ohne den ganzen Technik-Schnickschnack. In digitaler Form nachgebaut.

Dabei hat sich mein Speicher nicht nur mit Bildern gefüllt, sondern auch mit Dutzenden von Apps. Viele davon sind heute in einem Unterordner abgelegt und kommen nur noch selten zum Einsatz. Doch einige davon haben sich als dauerhafte Helfer entwickelt, die ich im nachfolgenden Teil vorstellen möchte.

Übrigens: Heute fotografiere ich mit allen mir zu Verfügung stehenden Mitteln, das reicht vom Smartphone (nach einem LG G3 bin ich wieder zum iPhone zurückgekehrt, allerdings konnte ich mir ein Leben ohne die „Plus“-Grösse nach dem LG nicht mehr vorstellen) bis zur Spiegelreflex. Und das kann auch manchmal bedeuten, dass ich Bilder schnell von der großen Kamera auf das Handy transferiere, dort bearbeite und dann gleich via Facebook oder Dropbox teile. Denn ein VSCO Filter macht sich auch auf einem DSLR-Bild sehr gut. Übrigens: Meine fotografische Entwicklung der letzten Jahre ist wunderbar und öffentlich nachvollziehbar, indem man meinen Instagram-Stream http://instagram.com/michaeljberlin (chronologisch rückwärts) betrachtet.

Fotografieren mit der ProCam App

proCamWährend die meisten Smartphone-Kameras heute bei gutem Licht schon hervorragende Ergebnisse erzielen, schwächeln sie vor allem bei etwas schlechteren Bedingungen. Hier versucht die Automatik dann, auf Kosten des Bildrauschens die Belichtungszeiten kurz zu halten.
Wer aber seine Smartphone stabilisiert (ich benutze hierzu oft ein kleines Stativ zusammen mit dem Jobi Griptight Mount), der kann auch eine längere Belichtungszeit in Kauf nehmen.
Hier kommt die App „ProCam“ in’s Spiel: Sie erlaubt die manuelle Einstellung von Belichtungszeit und ISO-Wert. Damit kann das Bildrauschen begrenzt werden. Oder eine lange Belichtungszeit (beim iPhone bis zu einer halben Sekunde) wird bewusst gewählt, um Bewegungsunschärfe einzufangen.

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@ Michael Zwahlen

Bearbeiten mit Snapseed

snapseed_logoDie kostenlose App von Google, vor deren Übernahme durch den Bildbearbeitungsspezialisten NIK entwickelt, ist die Allzweckwaffe für Bildbearbeitung auf jedem Smartphone. Die Basiskorrekturen von Helligkeit, Kontrast und Farbtemperatur gehören zu meinen Standardschritten.
Darüber hinaus bietet Snapseed auch eine Reihe von Fehlerbehebungen wie das „Transformieren“-Werkzeug für Perspektivenkorrektur oder das „Reparieren“ zum Entfernen störender Bildelemente.

© Michael Zwahlen

© Michael Zwahlen

Hinzu kommen noch vielfältige Filtermöglichkeiten – Vintage, Grunge oder HDR Scape – wie auch schwarz-weiss und Noir-Umwandlungen. Die meisten hiervon sind mir im Ergebnis jedoch deutlich zu übertrieben. Nur die gelegentliche Umwandlung in ein monochromes Bild führe ich auch mal in Snapseed durch.

Filmfeeling mit VSCO Cam

vsco_logoWährend Hipstamatic das „zerstörte“ Bild nach analogem Vorbild populär gemacht hat, geht VSCO Cam einen dezenteren Weg. Die bekannten Lightroom-Filter der Firma finden auch ihre Umsetzung in der mobilen App VSCO Cam: Das Nachempfinden der Farblooks klassischer Analogfilme. Die Filter lassen sich inzwischen auch sortieren, so dass die persönlichen Favoriten auf der ersten Seite stehen. Nachdem ich in den ersten 12-18 Monaten intensiver Mobilfotografie sehr viel experimentiert habe, bin ich inzwischen jedoch fast ausschließlich mit den dezenten Looks der A- und der E-Serie zufrieden.Über die Filter hinaus bietet VSCO Cam aber auch noch individuelle Bearbeitungsmöglichkeiten. Diese erlauben beispielsweise im Sinne einer Teiltonung das gezielte Einfügen von Farbstichen in Schatten- und Lichtbereichen.

© Michael Zwahlen

© Michael Zwahlen

Spezialeffekte mit Mextures

mextures_logoWenn ein Bild eine große farbmonotone Fläche hat wie einen größeren Himmelsanteil, dann leidet die Bildqualität der mobilen Fotografie sehr schnell. Denn diese Flächen sehen oftmals nicht nur eintönig aus, sondern sind es letztlich auch im begrenzten Farbraum.Diese Monotonie aufbrechen kann man am einfachsten mit der Überlagerung durch Texturen. Diese bietet Mextures in sehr vielen Variationen und in hoher Qualität. Damit lassen sich optisch saubere Bilder auch mal in etwas „Grunge“ verwandeln, wie es zur Zeit oft genug gefragt ist.Die Light Leaks bieten zudem die Nachbildung von Objektivfehlern, wie sie aus analogen Kameras wie der Lomographie bekannt sind.

© Michael Zwahlen

© Michael Zwahlen

Fokusspiele mit BigLens

biglens_logoEin weitwinkliges Objektiv und ein kleiner Sensor bedeutet aus physikalischen Gründen meistens ein Foto, in dem alle Elemente scharf abgebildet sind. Eine Tiefenwirkung ist hier nicht zu erzielen.BigLens ist eine Möglichkeit, die von Spiegelreflexkameras und Objektiven mit großen Blenden bekannte Tiefenschärfe auch nachträglich auf Bilder anzuwenden. Oder damit den Tilt-Shift-Effekt der Miniaturisierung in ein Bild einzubauen.

© Michael Zwahlen

© Michael Zwahlen

Allerdings zugegebenermassen nicht auf höchstem Niveau. Aber hier verfolge ich auch den Ansatz, dass nicht jedes Bild in 20+ Megapixeln für grosse Werbetafeln gedacht sein muss. Für das Teilen auf Instagram ist ein 1080 x 1080 Pixel großes Bild völlig ausreichend und auch für Twitter oder Facebook muss ein Bild nicht viel größer sein. Und für diese Größen darf man auch mal etwas „schlampiger“ arbeiten, weil die Details am kleinen Bildschirm beim Betrachter nicht so sehr in’s Gewicht fallen. 😉