Wir schreiben die neunte Woche nach Beginn der coronabedingten Einschränkungen. Das anfänglich überwiegende Verständnis weicht einer zunehmenden Gereiztheit und dem Wunsch, doch endlich zu normalen Zuständen zurückkehren zu können. In Wohngemeinschaften, in sozialen Medien und auch beim Telefonieren mit Verwandten drehen sich die mitunter kontroversen Diskussionen um die Frage nach der Notwendigkeit und vor allem nach dem angemessenen Grad der Beschränkungen in unser aller Leben.

Zur Lightbox - Social Distancing
Manche sehen die Anordnungen sogar als Ausdruck staatlicher Willkür und machen ihrem Unmut bei Anti-Lockdown-Demos lautstark Luft. Vor laufender Kamera bricht ein alter Herr beim Interview in Tränen aus. Er habe seine Frau, die im Februar in einem Pflegeheim aufgenommen wurde und die er jeden Tag dort besucht hatte, seit acht Wochen nicht mehr gesehen – zweifellos eine große seelische Belastung.

Senior man using laptop and headphones for skyping with his grandson - UUF006612

Ein wütender Mittvierziger brüllt von der Seite rein, wer sich mit den Medien beschäftige, die das Interview aufzeichnen, der könne sein Leben gleich abschreiben. Der alte Mann entgegnet ihm besonnen, so ginge es doch auch nicht…

Pensive older woman looking out bedroom window - BLEF05656

Krakeeler entwerten berechtigte Kritik

Man sieht: Manche haben durchaus Anlass zu berechtigter Kritik, andere hingegen lassen lediglich ihrer Wut freien Lauf. Im schlimmsten Fall gehen Letztere den Verschwörungstheorien irgendwelcher Z-Promis auf den Leim, an deren geistiger Gesundheit man angesichts des von ihnen verbreiteten kruden Unsinns ernsthaft zweifeln muss. Solche Krakeeler aller Couleur überbrüllen und entwerten auch Stimmen wie die des zitierten alten Mannes, die es verdienen gehört und ernstgenommen zu werden. Kein Zweifel: Trotz vieler Beispiele von Solidarität, Rücksicht und Zusammenhalt haben die Belastungen der vergangenen Wochen unsere Gesellschaft nicht nur zum Besseren verändert.

Young couple wearing red overalls and hats standing in a row connected with red string

Auch wenn sich ein Silberstreif der Hoffnung am Horizont zeigt und das Schlimmste vorerst abgewendet scheint, wird uns weiterhin Disziplin im zwischenmenschlichen Umgang miteinander abverlangt werden. Denn Social Distancing ist weiterhin unser wichtigstes Tool zur Eindämmung der Pandemie, und das gilt jetzt noch genauso wie vor neun Wochen.

Woman wearing a cardbox on head with bored smiley touching mirror - AFVF06057

Denn eine Lockerung der Beschränkungen ist keinesfalls gleichzusetzen mit einem Ende der Bedrohung durch die Corona-Pandemie. Es scheint paradox, dass gerade jetzt, wo sich der Sinn des Lockdowns in einem Rückgang der Infektionszahlen für alle sichtbar bestätigt, die gesellschaftliche Zustimmung für die Beschränkungen zu bröckeln beginnt.

Business people using elbow greeting during covid-19 pandemic - MASF17355

Social Motivation ist der Schlüssel

Woran liegt es, dass der Erfolg der Einschränkungen viele Menschen nicht motiviert, noch etwas länger durchzuhalten, sondern vielmehr Unmut und Frust zu nähren scheint? Psychologen würden es vermutlich so erklären, dass Menschen Vertrauen in den Sinn einschneidender staatlicher Maßnahmen haben müssen, um sie akzeptieren zu können. Nur dann können sie die Motivation aufbringen, die erforderlich ist, um mit solchen Einschnitten verbundene Belastungen auf sich zu nehmen. Die nun zum Glück sinkende Zahl der Neuinfektionen erschwert allerdings das Aufrechterhalten dieser Motivation, zumal viele um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten.

A view of two businessmen working on opposite sides of a wall in two different office spaces - MINF09546

Deshalb sei es an dieser Stelle noch einmal deutlich betont: Die sich abzeichnende Eindämmung der Pandemie ist nicht etwa ein Indiz für die Überflüssigkeit der Lockdowns, sondern vielmehr eine Folge daraus und damit ein Beweis für die Wirksamkeit der Einschränkungen. Das ist ein Erfolg und Verdienst von Millionen Menschen, die in den vergangenen Wochen auf vieles verzichtet haben und es auch weiterhin tun. Sie mögen oft gemurrt haben, viele von ihnen mögen sich um ihre wirtschaftliche Zukunft sorgen, aber letzten Endes hat ihre Solidarität mit den Risikogruppen über alle egoistischen Regungen gesiegt.

Happy family looking out of window, mother carrying daughter - JOSF03104

Gerade in ihrer Isolation haben die Menschen eine großartige Gemeinschaftsleistung vollbracht. Ihr Wert wird nicht dadurch geschmälert, dass sie im Rahmen staatlicher Anordnungen zustande kam. Diese Leistung ist ein starkes Signal der Mitmenschlichkeit, das Mut für die Zukunft macht.

Bilder von der „neuen Normalität“

Deshalb unser Appell an alle, die sich in dieser schwierigen Zeit alleine fühlen, die frustriert sind und auch an alle diejenigen, die Lockdown und Social Distancing für übertrieben Quatsch halten: Nur wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, Rücksicht aufeinander nehmen, uns gegenseitig schützen und jeder einzelne sich als Teil eines größeren Ganzen sieht, kommen wir dem Licht am Ende des Tunnels weiterhin Stück für Stück näher.

People standing in line outside cafe keeping distance - MASF17349

Dabei wollen wir aber auch nicht vergessen, im Rahmen der Möglichkeiten wieder allmählich unseren Alltag zurückzuerobern – auch das mit Abstand, aber gemeinsam. Wie kann sie aussehen, die viel zitierte „neue Normalität“? So genau wissen wir das wohl alle noch nicht. Aber unsere Fotografen haben sich dazu schon eine Menge Gedanken gemacht und sie mit der Kamera in eine Reihe von frischen Bildern umgesetzt. In dieser Lightbox zeigen wir eine Auswahl dieser Arbeiten, die allesamt ein neues Gemeinschaftsgefühl zum Thema haben: ein so wohl noch nicht erlebter sozialer Zusammenhalt, dessen Stärke gerade im Abstandhalten liegt.

Zur Lightbox - Social Distancing