Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der Begriff bezeichnet generell das Gefühl, sich behütet und frei von Ängsten zu fühlen. In der langen Entwicklung der Menschheit von den Jäger- und Sammlerkulturen bis zu den modernen Industriegesellschaften hat sich der Begriff jedoch stark gewandelt und erweitert.

Das Leben ist immer ein bisschen lebensgefährlich

Die Notwendigkeit, sich gegen willkürliche Gewalt oder die Angriffe wilder Tiere zu wappnen, ist heutzutage gegenüber den Erfordernissen abstrakterer Formen der Sicherheit in den Hintergrund getreten. Die Formen des Miteinanders im digitalen Zeitalter schaffen neue Risikofelder, in denen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit ausgehandelt werden muss.

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„Das Leben ist immer ein bisschen lebensgefährlich“: Was sich so flapsig dahingesagt anhört, drückt tatsächlich eine grundlegende Wahrheit aus – egal, wie geordnet und risikoarm die Rahmenbedingungen unseres Lebens auch sein mögen, ein Rest an Unsicherheit bleibt immer. Oder anders gesagt: Absolute Sicherheit ist eine unerreichbare Utopie. Die einzige, unumstößliche und unausweichliche Sicherheit, die wir Menschen haben, ist die, dass wir eines Tages sterben werden. Dennoch: In der Zeit bis dahin wollen die meisten von uns sich möglichst sicher fühlen.

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Mehr Sicherheit denn je

Verglichen mit früheren Zeiten lebt die Mehrheit der Menschen in der hochorganisierten westlichen Welt heute so sicher wie kaum eine Generation davor – zumindest gemessen am Grad existenzieller Bedrohung durch Krieg, Gewalt oder rechtlose Zustände. Eine Untersuchung des Zukunftsinstituts zum Thema Sicherheit zitiert den amerikanischen Psychologen Steven Pinker, demzufolge wir im gewaltlosesten Zeitalter der Menschheitsgeschichte leben: Im Mittelalter lag laut Pinker die durchschnittliche Zahl der Mordopfer noch bei 35 pro 100.000 Menschen, während die entsprechende Rate im Jahr 2012 weltweit 6,2 Personen betrug. Sogar in Regionen mit hoher Gewaltkriminalitätsrate wie Südafrika und Kolumbien ging die Zahl der Morde stark zurück. Ungeachtet vereinzelter verheerender Konflikte ist auch die Zahl der Kriege weltweit rückläufig.

Gefühl der Unsicherheit

Trotzdem sind wir weit davon entfernt, angstfrei durchs Leben zu gehen. Denn Sicherheit lässt sich nur schwer in Ziffern bemessen, sie ist vielmehr ein subjektiv empfundener – oder auch vermisster – Zustand.

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Martine Präßl, Creative Director bei Westend61, beschreibt das so: „Da es die absolute Sicherheit gar nicht geben kann, bleibt sie ein Wunsch oder vielmehr ein Gefühl – und das kümmert sich nicht um Wahrscheinlichkeiten, Statistiken und Zahlen, sondern wird von unserer Wahrnehmung genährt.“ So sei es kaum erstaunlich, dass viele Menschen durch die täglichen Schreckensnachrichten in den permanent präsenten Medien verängstigt würden und sich unsicher fühlten, so Martine Präßl.

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Und selbst wenn wir den stetigen Nachrichtenstrom und damit auch das Eindringen von beängstigenden Meldungen aus aller Welt in unser Bewusstsein unterbrechen würden, indem wir Fernseher, Smartphone, PC und Radio ausschalten und die Zeitung nicht lesen: Die Grundrisiken des Lebens mit seinen unvorhersehbaren Widrigkeiten – und damit immer ein gewisses Maß an Unsicherheit – gehören durch alle Zeiten zum Wesen menschlichen Daseins.

Alles im Griff?

Doch auch die zunehmende Komplexität einer sich immer schneller wandelnden Welt schafft Unüberschaubarkeit und mitunter ein Gefühl von Ohnmacht und mangelnder Kontrolle. Der Wunsch, dieses komplizierte Leben „in den Griff zu bekommen“ und sich darin sicher und aufgehoben zu fühlen, ist nichts anderes als eine neue Form von Sicherheitsbedürfnis. Denn ist ein Schutz vor Krieg, militärischer Bedrohung und körperlicher Gewalt erst einmal weitgehend gewährleistet und damit sozusagen ein Fundament an Sicherheit gelegt, treten weitere Aspekte des Themas in Erscheinung: der Wunsch nach gesundheitlicher, sozialer und rechtlicher Sicherheit etwa, aber auch das Bedürfnis nach wirtschaftlicher Absicherung (meist in Verbindung mit einem sicheren Arbeitsplatz), Sicherheit im Straßenverkehr, nach Arbeitssicherheit und vielem mehr. Das lukrative Geschäftsfeld der Versicherungswirtschaft mit all ihren Facetten und mit den hohen Summen, die Menschen in ihre Absicherung vor allen möglichen Risiken zu investieren bereit sind, ist augenfälliger Beleg dafür.

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Neue Geschäftsfelder

Im digitalen Zeitalter mit einer weltweit vernetzten Menschheit gewinnt darüber hinaus der Aspekt der Datensicherheit immer mehr an Bedeutung – für ganze Staaten, große und kleine Unternehmen ebenso wie jeden Einzelnen von uns. Schadprogramme, Datendiebstahl, die Lahmlegung ganzer Netzwerke, ganz neue Möglichkeiten von Ausspähung und Überwachung und die daraus resultierende Notwendigkeit zum digitalen Datenschutz bedingen Sicherheitserfordernisse, die erst in den vergangenen Jahren massiv an Bedeutung gewonnen haben. Das Bestreben, auf diese Bedrohung effektiv zu reagieren, generiert neue Geschäftsfelder mit riesigen, stetig steigenden Umsätzen: Das Zukunftsinstitut zitiert Marktforschungsstudien, wonach im Jahr 2015 weltweit schätzungsweise 77 Milliarden US-Dollar (rund 68 Milliarden Euro) für IT-Sicherheit ausgegeben wurden. Man geht davon aus, dass sich diese Investitionen bis zum Jahr 2018 auf schätzungsweise 108 Milliarden US-Dollar (rund 95 Milliarden Euro) erhöhen dürften.

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Der Wunsch nach allumfassender Sicherheit ist, wie gesagt, utopisch. Und selbst wenn dieser „Idealzustand“ erreichbar wäre, dann nur auf Kosten anderer menschlicher Grundbedürfnisse: Absolute Sicherheit erfordert permanente und lückenlose Kontrolle, und diese wiederum würde in Unfreiheit münden und das kreative Potenzial der Menschheit lähmen. Umgekehrt würde ein Übermaß an Freiheit bewährte Regeln des Miteinanders außer Kraft setzen und wieder Unsicherheiten und damit neue Ängste schaffen. Freiheit und Sicherheit sind zwei Pole an den entgegengesetzten Enden einer Skala zwischen Selbstverantwortung und Fremdbestimmung. Der Regler muss irgendwo dazwischenstehen.

Sicherheit ist also ein wichtiges Thema, das aus vielen Blickwickeln betrachtet werden kann. Ein ideales Feld für Stockfotografen und Bildagenturen.