Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstand eine Bewegung, die heute als Surrealismus fest in den Geschichtsbüchern etabliert ist. Denken, Literatur, Kunst und Musik brachen mit ihren Traditionen, und Künstler fanden neue Wege des Ausdrucks. Neben dem Dadaismus beeinflusste vor allem der Italiener Giorgio de Chirico mit seiner metaphysischen Malerei eine ganze Generation an Künstlern, die einige der größten Namen der Kunsthistorie hervorbrachte.

Mit dem geschlossenen Auge sehen

Traumhaftes, Unbewusstes, Absurdes und Phantastisches, das sind die Kernmerkmale des Surrealismus. Nach Chirico geht es ihm vor allem um die Dinge, die er sieht und zwar mit dem geschlossenen Auge. So kommt es dazu, dass die Kunstform über den Realismus hinaus geht und gewohnte Bildwelten auf oft verstörende Art und Weise aushebelt. Durch die Verarbeitung von psychoanalytischen Theorien soll der Betrachter, vor allem in Form von Gemälden und Filmen, neue Erkenntnisse gewinnen können.

Zur Lightbox "Moderner Surrealismus"

Zu Andre Bretons Philosophie gehörte die Auffassung, dass es keine objektiv gegebene äußere Wirklichkeit gibt. Ein neues Denken und gesellschaftspolitische Änderungen, nach denen die Gesellschaft zum Ende des ersten Weltkriegs sich sehnte, konnte demnach nur entstehen, wenn die Künstler des Surrealismus eine neue Sprache, eine neue Bildauffassung erfinden. Die Wahrnehmung sollte frei von Vorurteilen und spontan sein. Die Künstler des Surrealismus erreichten diese Wahrnehmung durch ungesteuerte Kreativprozesse mit Hilfe von Abschalten des Bewusstseins durch Schlaf oder Rauschmittel. Dies führte vor allem zu verfremdeter Darstellung, Kombination unmöglicher Dinge und Zustände, welche die Wirklichkeit übersteigen.

Surrealismus in der modernen Fotografie

Die Hochphase des Surrealismus liegt weit zurück, und dennoch schleichen sich die Merkmale dieser bedeutungsvollen Epoche immer wieder in die Arbeiten der Künstler der Moderne ein. Der Baustein der Verfremdung ist durch die Tools der Digitalfotografie und der modernen Bildbearbeitung ein häufig genutztes Stilmittel: subtil, aber präsent. Es ist ruhiger geworden um den Surrealismus, aber es gibt ihn dennoch. Er hat einen weitaus geringeren Charakter angenommen, weit weniger pompös als die Vorbilder der großen Maler und dennoch ausdrucksstark wie eh und je. Ein Beispiel für fotografischen Surrealismus liefert uns Petra Stockhausen, die mit ihrer Hommage à Magritte eine bemerkenswerte Einreichung geliefert hat. Da wurde das Creative Department natürlich hellhörig und musste einmal nachfragen, wie es zu dieser Produktion kam. Petra hat uns in der Folge berichtet:

Ein Mann mit Melone und eine Frau mit Besen

Ich hatte es schon länger im Hinterkopf, mal eine Hommage à Magritte zu fotografieren und dachte, wenn ich das nächste Mal in der Toskana bin, fange ich damit an. Es gibt dort diese wunderbaren Zypressenalleen, die perfekt für meine Vorstellungen geeignet sind.
Als wir dann letzten Sommer Freunde in der Toskana besucht haben, sind so die ersten Motive entstanden, zum Beispiel der Ausschnitt in der Zeitung.

Das Ganze hat mir dann so viel Spaß gemacht, dass ich entschieden habe, daraus eine längere Serie zu machen. Ich wollte ein wenig mehr wie ein Surrealist denken und mich dabei im weiteren Verlauf deutlich vom Vorbild trennen. Bei der Motivfindung habe ich dabei immer verschiedene Begriffe im Kopf. In diesem Fall dann, bezugnehmend auf einige Themen des Surrealismus, Begriffe wie Identität, Individualität, Reflexion, Selbstreflexion, Traumbilder, Spiel mit Traum und Realität, Flexibilität und natürlich auch Spaß und Ironie.

Ich habe die Serie dann erst ein halbes Jahr später weiter geführt, als wir über das Atlasgebirge bis in die Sahara gereist sind. Diese Entscheidung hat sich ausgezahlt, da ich die Wüste als Kulisse für diese Serie einfach liebe! Ein Mann mit Melone und eine Frau mit Besen (um unsere Fußabdrücke wegfegen zu können) zogen aus in die Wüste.

Inspiration vor Ort: eine spontane Wahrnehmung

Einige Motive habe ich dabei immer fest im Kopf, einige ergeben sich aber auch durch die Landschaft oder die Location. Die reine Reduktion auf die Form durch die Sandwellen vor dem knallblauen Himmel hat mich dann erst vor Ort dazu inspiriert, das Model in seiner Körperhaltung diesen Formen folgen zu lassen. Ebenso bei dem vom Wind so wunderbar verformten Baum.

Die Idee, dass ich gerne einen runden Spiegel als Requisite in der Serie verwenden würde, kam mir zu Beginn in Marrakesch. In den Souks gibt es auch viele Händler, die Spiegel verkaufen, aber alle mit verschnörkelten Rahmen. Ein junger Händler sagte zu mir: Kein Problem, was brauchst du? Besorge ich dir, ich bin in 20 Minuten zurück. Pass doch bitte so lange auf meinen Laden auf, sprach er, stieg auf ein Fahrrad, war verschwunden und ließ mich alleine in seinem Laden zurück. Es waren marokkanische 20 Minuten, also in Wirklichkeit weit mehr als eine Stunde, aber es war für mich ein sehr spannender Wechsel der Perspektive! Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal als Händlerin in einem marokkanischen Souk sitze, verkauft habe ich aber leider nichts.

Ein einziges Motiv, was ich fest im Kopf hatte, konnten wir dann leider nicht genau so umsetzen. Als Kind konnte man immer so schön mit dem Kopf nach unten baumelnd an einer Reckstange hängen. So hatte ich mir das mit einem Baum vorgestellt. Das Model sollte kopfüber da hängen und ein Buch lesen. Hätte ich sehr passend für die Serie gefunden. Da ein Ast, der einen erwachsenen Mann halten soll, aber viel dicker sein muss als eine Reckstange … Das funktioniert leider nicht. Da kann man sich eben nicht halten, und ich bin sehr froh, dass wir das erst mal 40 Zentimeter über dem Boden getestet haben und nicht direkt in vier Meter Höhe.
Das Model hat glücklicherweise auch noch Luft bekommen können, als ich ihn mit blauer Kordel umwickelt habe, so ist zum Glück alles gut gegangen!
Ich bin mir nur nicht sicher, ob meine surrealistische Phase schon vorbei ist 🙂

Bildsprache mit historischem Pep

Unser Creative Department begrüßt Petras surrealistische Phase mit offenen Armen. Manchmal kann historische Tradition auch für eine frische kreative Brise sorgen. Wir freuen uns immer sehr über Bildideen außerhalb von zeitgemäß gängigen Konzepten und sind uns zu 100% sicher, dass auch diese Bilder eine gute Heimat bei uns haben, denn die Kreativität unserer Fotografen ist unsere DNA.