I would do ‚most anything
To get you back by my side
But I just keep on laughing
Hiding the tears in my eyes
‚Cause boys don’t cry

Wenn ein Song nach einem Vierteljahrhundert immer noch wie ein Ohrwurm in unseren Gehörgängen aktiv ist, dann können wir mit Sicherheit von einem Evergreen sprechen. Wir zucken kurz zusammen: Sind es wirklich schon 25 Jahre, seitdem The Cure uns das erste Mal mit der Pophymne in ihren Bann gezogen hat? Die Antwort: Ja!

Zur Lightbox "Neue Männer"

Was lange währt, wird endlich abgeschafft

Wer den Text von „Boys don’t cry“ mal genauer unter die Lupe nimmt, der merkt schnell, dass die Boys auch mal weinen müssen, schon immer. Aber aufgrund des Zeitgeists und einem wahrscheinlich damals schon veralteten Männerbilds war das einfach verpönt. A là „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ wurden Tränen einfach unterdrückt. Höchstens hinter verschlossenen Türen kullerten sie dann im Stillen die Wangen der Männer dieser Welt herunter.

Portrait of smiling young couple sitting on bed - IGGF01073

Das traditionelle, oder sagen wir lieber bisherige Männerbild, hat sich bis ins 20. Jahrhundert geschleppt. Ein Bild, welches auf dem Mann in der starken Rolle eines deutlich zweiklassigen Geschlechterverhältnisses basierte: Er, das ist der Versorger und das tonangebende Oberhaupt der Familie, und untergeordnet ist Sie, fungierend als Mutter und Haushälterin. Ein Bild, in dem im Kontext der Nachkriegszeit eben einfach kein emotionaler Platz für männliche Tränen war.

O, Männer, seid ehrlich! Ihr profitiert von den Frauen

Es hat noch viele Jahre gedauert, bis sich ein leichter Umschwung im Männerbild und der Kultur des Mannes gezeigt hat. Nun schreiben wir das Jahr 2019, und zumindest in der westlichen Welt sind die neuen Männer angekommen. Wer genau sind die neuen Männer? Es sind jene, die, nicht genieren, ihre Weiblichkeit entdeckt haben. Das erfordert einerseits ein allgemeines Verständnis in der Gesellschaft und auf der anderen Seite die Bereitschaft und das Selbstvertrauen jedes einzelnen Mannes, eben genau diese auszuleben.

Den Weg für die Weiblichkeit des Mannes hat die Männlichkeit des Weibes geebnet. Klingt nach einem Paradoxon, aber ist eben auch ein Satz zum Zunge schnalzen. Tja, man kann ihn auch so nicht richtig stehen lassen. In der Entwicklung der Geschlechterrollen geht es eben weniger um Männlichkeit oder Weiblichkeit, sondern schlichtweg um die Gleichstellung. Was letztlich am Ende gar nichts mehr mit Geschlechtern zu tun hat, also: „zu tun haben sollte“, übersehen viele. Halten wir uns also an einem einfachen Punkt fest: Der Mann profitiert vom Selbstvertrauen feministischer Frauen und natürlich auch feministischer Männer: Nein! Das ist kein Oxymoron, sondern einfach normal! Simpel formuliert, sorgt das erstarkte Frauenbild des Feminismus dafür, die Last des durch das traditionelle Männerbild mit der vermeintlich eingeforderten maskulinen Stärke abzulegen und damit eben auch eine Menge Gehabe, die das Leben eines Mannes sicherlich komplizierter gemacht haben. Das macht Männlichkeit keinesfalls obsolet. Vielleicht sollten wir aber eher von Menschlichkeit sprechen, und sowohl Mann als auch Frau die gleichen Emotionen, Bedürfnisse und Rechte einräumen. Der Mann darf also noch stark sein, aber: das ist eine schöne Entwicklung, er muss es nicht immer sein. Ein kleiner Appell: Hey, so schwer kann das doch nicht sein …

Neue Männer braucht das Land

Dem Mann wird inzwischen vieles eingeräumt. Er kann beispielsweise seine Emotionalität voll ausleben, komplexer existieren, wenn er es sich denn zutraut und sich wohl damit fühlt. Aber auch hier, parallel zum Feminismus, handelt es sich um eine Langstrecke, das zeigt sich an einem simplen Beispiel: Ein mit Millionen gesegneter Fußballstar, ein vermeintliches Idol der Männlichkeit, kann vor 50000-facher Testosteronladung zwar weinen, aber schwul sein, um Himmels Willen! Zu groß ist die Zielscheibe auf dem Rücken, in einer Gesellschaft, die an manchen Punkten eben noch nicht weit genug ist. Es verlangt wohl noch einiges an Geduld. Eine Geduld, die neue Männer aber haben, denn sie stellen schon lange keine Minderheit mehr da, und mit jedem weiteren neuen Mann wird der Weg weitergegangen. Das Schöne daran ist, dass es ein Weg ist, der sowohl für Männer als auch für Frauen gegangen wird. Im Gleichschritt hin zu mehr Gleichheit.

Nachtrag: Das alles heißt nicht, dass „Boys don’t cry“ kein grandioser Song ist! Grüße aus der Westend61 Redaktion.