Die einen lieben die Technik, die dahinter steckt, die anderen den Effekt, den sie auf Bildern hat – deshalb sind klassische Fotoverfahren wie die Langzeitbelichtung nicht nur für Fotografen, sondern auch für Bildnutzer ein spannendes Themenfeld.

Fotografie wird oft als die Kunst verstanden, den richtigen Moment in Zeit und Raum einzufangen. Aber: wie lange ist ein Moment? Wenn man eine Zeitdefinition sucht, kann man durchaus behaupten, dass die Mehrheit der Bilder mit einer Verschlusszeit von 1/60 bis 1/500 produziert werden, je nach Lichtsituation. Ziel dabei ist es, eine Szene oder ein Motiv scharf abzubilden. Aber was ist mit den Verschlusszeiten, die über oder unter diesem Bereich liegen?

In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit dem Bereich unter 1/60, um genauer zu sein, mit dem Bereich über 1-2 Sekunden Verschlusszeit: mit der sogenannten Langzeitbelichtung.

Interessanterweise gehört diese Foto-Technik zu den ältesten Verfahren, wenn sie nicht sogar die älteste ist. Der Grund dafür ist einfach: in den Anfängen der Fotografie machten die geringe Empfindlichkeit des Fotomaterials und die geringe Lichtstärke der damals existierenden Objektive eine sehr lange Belichtungszeit nötig, um die Motive festzuhalten. So entstanden Bilder wie dieses hier:

Boulevard du Temple, Paris, 3. Arrondissement, Daguerrotypie. By Louis Daguerre [Public domain].

Hier hat der Fotograf Louis Daguerre 1838 den Boulevard du Temple in Paris über mehrere Minuten belichtet und erreichte damit (gewollt oder ungewollt) einen der besonderen Effekte dieser Technik: der gesamte, ansonsten sehr belebte Straßenzug erscheint menschenleer – bis auf die beiden Personen, die im unteren Abschnitt zu sehen sind. Grund dafür: sie haben sich während der Aufnahme offensichtlich wenig bewegt.

Was genau ist also eine Langzeitbelichtung?

Obwohl es keine exakte Definition gibt, spricht man über diese Art der Foto-Technik, wenn die Aufnahmezeit lang genug ist, um das typische Ergebnisse zu erzeugen: das statische Einfangen von Bewegungen und Veränderungen innerhalb eines Motivs. Obwohl das auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingt, fängt der Fotograf bei Anwendung dieser Technik Veränderungen im Motiv, die innerhalb der Verschlusszeit stattfinden, als ein Kontinuum ein. Nicht zu verwechseln übrigens mit der Stroboskop-Technik, bei der innerhalb einer Zeitspanne eine getaktete Mehrfachbelichtung des Sensors mit dem sich bewegenden Motiv stattfindet.

Die Langzeitbelichtung sorgt vor allem deshalb für erstaunliche und beeindruckende Bilder, weil das menschliche Auge diese Bilder in der Realität so einfach nicht wahrnehmen kann:

© Westend61 / MARTIN RIETZE

Hier noch ein paar Beispiele für gelungene Langzeitbelichtungen:

Bilder, die mit dieser Technik entstehen, wirken fast surreale und sehr dynamisch – deswegen sind sie garantiert ein Blickfang.

Was braucht man dafür?

Beachtet man diese technischen Faktoren, gelingt eine Langzeitbelichtung:

1. Kleine Blende: Grundsätzlich werden bei Langzeitaufnahmen kleine Blenden (F11, F16 und noch kleinere) eingesetzt, um die einfallende Lichtmenge auf dem Sensor im Laufe der Belichtung zu reduzieren. Die Fokussierung des Motivs sollte manuell erfolgen, damit sie sich während der Aufnahme nicht verändert.

2. Stativ: Da der Sensor der Kamera für eine längere Zeit Licht aufnehmen wird, ist der Einsatz eines stabilen Stativs unausweichlich. Es gibt zwar neuere Kameras, die durch interne Stabilisierungsmechanismen durchaus Aufnahmen von bis zu einer Sekunde aus der Hand ermöglichen, da man aber öfter noch längere Verschlusszeiten einstellt, ist es notwendig, die Kamera stabil zu positionieren.

3. Fernauslöser: Um Vibrationen beim Auslösen zu vermeiden, sollte man eine Fernauslösemöglichkeit haben. Hier funktionieren Funkauslöser, aber auch kabelgelbundene Auslöser sowie Smartphone Apps, die mit der Kamera per WiFi/Bluetooth verbunden sind. Eine weitere technische Möglichkeit, die Bewegungen weitestgehend zu unterbinden, ist (bei DSLR Kameras), das Aktivieren der Mirror Lock Funktion bzw. der Spiegelvorauslösungsfunktion, die Vibrationen des Spiegels verhindert.

4. ND-Filter: Je nach Lichtsituation werden auch Neutraldichtefilter benötigt. Solche Filter verringern die eingehende Lichtmenge um mehrere Stopps, so dass man z. B. auch tagsüber Langzeitaufnahmen machen kann. Nachts sind die Filter aufgrund der geringen Lichtmenge in den meisten Fällen nicht mehr notwendig.

5. Live-Histogramm: Als sehr nützlich hat sich auch die Beobachtung des Live-Histogramms während der Aufnahme ergeben, den somit kann der Fotograf kontrollieren, dass das Bild durch die lange Aufnahmezeit nicht überbelichtet wird.

Und letztendlich ist insbesondere bei DSLR-Kameras ein guter Rat, auch den optischen Sucher zu bedecken, um dort unerwünschten Lichteintritt zu verhindern.

Timing und Motivauswahl

Wie bei jedem Bild sollte sich der Fotograf zuallererst mit der Motividee befassen. Wie die obige Galerie zeigt, eignen sich insbesondere Motive, die aufgrund der Veränderungen bzw. Bewegungen deutliche Lichtspuren auf dem Sensor hinterlassen:

  • Verkehrssituationen mit langgezogenen Lichtspuren
  • Wasseroberflächen
  • Menschen in Bewegung
  • durchziehende Wolken
  • Sternenhimmel
  • Lichtmalerei
  • Feuerwerke
  • architektonische Aufnahmen

Im Unterschied zu einer statischen Aufnahme muss der Fotograf sich aber auch Gedanken über die vielen Elemente machen, die sich während der Aufnahmezeit verändern oder bewegen werden, über die er aber keine echte Kontrolle hat. Am besten ist es, an Ort und Stelle Ausschau zu halten und Test-Aufnahmen zu machen. So hat man einen besseren Überblick und ein realistischeres Gefühl für die Situation. Letztendlich verlangt die Langzeitaufnahme-Technik viel Geduld, ein waches Auge und einen vorausschauenden Blick vom Fotografen. In welche Richtung werden sich die Wolken bewegen? Welche Lichter werden ihre Spuren auf den Sensor hinterlassen? Wie werden sich die Menschen bewegen? Was wird in den nächsten Minuten passieren?

Die Wahl der Verschlusszeit hängt dann vom Ergebnis aller dieser Überlegungen ab. Hier gilt es auf den Erfahrungsschatz des Fotografen zuzugreifen und falls nötig, mehrere Aufnahmen mit diversen Einstellungen zu machen. Und: viel Geduld mitzubringen.

Nachbearbeitung

Wenn die Bilder erfolgreich aufgenommen worden sind, erfolgt der letzte Feinschliff in der digitalen Dunkelkammer: Aufgrund der langen Belichtung des Sensors wird es in den meisten Fällen unausweichlich zum sogenannten „Rauschen“ auf den Bildern kommen. Dieses lässt sich aber mittels Rauschreduzierungssoftware in den meisten Fällen weitestgehend entfernen, so dass am Ende ein qualitativ und technisch gutes Bild entsteht. Darüber hinaus kann man auch durch Maskierungen mehrere Bilder oder Elemente des gleichen Motivs übereinander einblenden.

Ein Spielplatz für Kreativität!

Die Langzeitbelichtungstechnik eröffnet für den Fotografen einen fast grenzenlosen Raum zur Entfaltung seiner Kreativität. Die so entstandenen Bilder werden in der Werbung und Kunst oft eingesetzt, wenn es darum geht, den Zuschauer in Traumwelten zu entführen.

Wenn du mehr Bilder sehen möchtest, die mit dieser Technik entstanden sind, dann klicke hier.