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Arthur Selbach (58) ist ein Urgestein von Westend61. Bereits seit 2004 ist er bei uns unter Vertrag. Ursprünglich Modefotograf, widmet er sich seit Anfang der 1990er Jahre der Reisefotografie. Heute zählt er zu den renommiertesten Reisefotografen Deutschlands, zu seinen Kunden gehören u.a. der Merian, der Mair Dumont Reiseverlag oder der Gruner & Jahr Verlag.
Was er bei der Modefotografie für seine Reisen gelernt hat, wie er zur Stockfotografie kam und warum seine Bilder bei Westend61 in ein Boot gestiegen sind, um den Zambesi River hinunter zu raften, darüber haben wir uns mit ihm unterhalten.

Lieber Arthur, du hast ja mal als Modefotograf angefangen. Wie bist du zur Reisefotografie gekommen?
Tatsächlich habe ich bei einem Architekturfotografen gelernt. Aber gleich danach kam die Mode. Ich habe Anfang der 1990er Jahre einige Reisen nach Kuba unternommen, damals mit meiner 6×7 Pentax. Die Menschen dort waren sehr offen gegenüber Fotografen und ich habe meine komplette Mappe auf diese Bildergebnisse – zumeist in schwarz/weiß – umgestellt. Mit der Mappe ging ich zu den Redaktionen. Ohne weitere Erwartung, einfach mal zu sehen, wie die das auffassen. Das kam gut an und ich bekam sofort Buchungen, zunächst vom Lufthansa Magazin, später vom Merian und anderen Heften. Die Art zu fotografieren war eine neue Erfahrung und ich erinnere mich, dass ich da sehr spontan und emotional ranging. Alleine zu reisen war ich natürlich überhaupt nicht gewohnt. Deshalb nahm ich auf der ersten Reise noch einen Assistenten mit.

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

Hast du in der Modefotografie etwas gelernt, das du nicht mehr missen möchtest und dir als Reisefotograf hilft?
Im Umgang mit Menschen war die Modefotografie prägend und hat mir das Leben in der Zeit danach deutlich einfacher gemacht. Wir waren über mehrere Wochen täglich mit 6 bis 10 Leuten zusammen, fast wie eine Familie. Da lernt man, sich auf jeden einzustellen.

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© Arthur Selbach/Westend61

Aus meiner Sicht bist du einer der besten deutschen Reisefotografen. Deine Bilder machen Lust auf die Orte, die du fotografierst und vor allem hast du einen erkennbaren Stil. Du verwendest verschiedenste Farbfilter und belichtest oft lange. Als du damit angefangen hast, warst du der einzige, der Reisefotografie auf diese Weise interpretiert hat, mittlerweile gibt es viele, die das kopiert haben. Ärgert dich das?
Danke, Gerald. Nein, das ärgert mich nicht. Ich könnte es auch nicht verhindern. Es gibt immer Fotografen, die einen Stil finden und diesen prägen. Schon bei meiner ersten Agentur laif gab es Leute, die kurz später meinen Stil für sich selbst interpretiert haben. Das hat mich schon etwas genervt, aber am Ende interessiert das niemanden und du selbst musst damit leben. Es wird immer so sein. Natürlich lernen wir voneinander. Trotzdem ist es immens wichtig, einen eigenen Stil zu kreieren. Wenn du am Abend mit dem Stativ vom Mirador San Nicolas aus die Alhambra fotografierst stehen vielleicht 60 Leute, davon 10 mit Stativ neben dir und fotografieren im Prinzip genau dasselbe wie du. Da reicht es noch nicht mal mehr aus, den Filter rauszuholen, den haben schon zwei andere vor der Kamera. Da musst du dich anders abheben, etwas anders machen, einen neuen Winkel finden. Zum Beispiel den vom Turm der San Miguel Kirche aus. Und da kommst du nur hoch, wenn du hartnäckig dem Pfarrer deutlich machst, dass du da jetzt hoch musst.

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

Dann erst hast du das Bild, das keiner hat und dazu noch in deinem Stil. Die lange Belichtungszeit hingegen hat sich inzwischen bei sehr vielen Fotografen durchgesetzt und ist ein tragendes Stilelement, das gerade in der Landschaftsfotografie viel Ruhe ins Bild bringt. Die Filter, gut, das begann bei mir zu analogen Zeiten. Heute könnte man das auch mit dem Photoshop erledigen. In Kuba hatte ich das 1991 zum ersten Mal eingesetzt. Ich war erstaunt, wie gut sich dieser Stil verkaufen ließ.

Du arbeitest für viele bekannte Reisemagazine, zum Beispiel für den Merian. In wie viele Länder hat dich dein Beruf bereits geführt?
Zur Zeit der Modefotografie habe ich wohl die meisten Länder kennengelernt. Aber auch durch die Magazinfotografie sind zahlreiche Länder dazu gekommen. Grob geschätzt dürften es um die 80 sein. Leider sind bei vielen Redaktionen Nahziele beliebter, so dass ich nicht mehr so häufig in entfernte Länder reise. Vor zehn Jahren war das noch Südafrika, Zimbabwe, Kamerun, Tansania, Botswana oder Vietnam, Thailand, Malaysia usw.. Jetzt ist das viel auf dem europäischen Kontinent oder mal Kanada, Nordafrika.  Die Deutschen haben ihr eigenes Land als Reiseland entdeckt. Das 17. Bundesland Mallorca verkauft sich mit am besten.

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

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Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

Du tauchst ja als Reisefotograf in viele verschiedene Kulturen ein. Gibt es eine Geschichte von deinen Reisen, die dich besonders bewegt hat und unvergesslich ist für dich ist?
Kuba war immer sehr intensiv. Die Menschen, die Stimmung, das Licht, einfach alles. Die ersten beiden Reisen dorthin habe ich mit meiner Frau unternommen. Wir lernten auf unserer ersten Reise einen Maler kennen. Durch ihn sind wir tief eingetaucht in das kubanische Leben und haben die meiste Zeit mit Kubanern in privaten Wohnungen und Häusern verbracht. Für die nächste Reise hatten wir beschlossen, Sachen zum Anziehen mitzubringen, Schuhe, Klamotten, alles, wovon wir viel hatten und diese Leute nichts. Wir haben vieles zusammengetragen. Am Reisetag ein Jahr später standen wir mit 120kg Gepäck am Schalter. Am Flughafen von Cancun wollte uns die Airline trotz der Tickets nicht mehr mitnehme, zu viel Gepäck, wir sollten nachzahlen, umgerechnet 300DM. Es gab viel Geschrei und Streiterei, aber schlussendlich ging alles unentgeltlich mit nach Kuba. In Havanna angekommen wurden wir von unserem Malerfreund abgeholt. Und spät am Abend, als eine Handvoll Nachbarn vorbeikam, riefen die die ganze Straße zusammen und alle haben wirklich alles geteilt. Keiner, der von den hunderten von Teilen zwei genommen hätte. All diese Klamotten waren für uns wirklich nichts Besonderes. Aber selten habe ich so viele glückliche Gesichter gesehen. Das war sehr beeindruckend.

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

Viele meinen, Reisefotograf sei der absolute Traumberuf. In viele Länder reisen, dabei das machen, was man am liebsten tut, nämlich fotografieren und auch noch Geld damit verdienen. Ist das wirklich so einfach, wie es sich das anhört?
Wenn es Reisen im Auftrag einer Agentur oder einer Redaktion sind, mag das so sein. Gänzlich auf eigene Kosten eine Reise zu machen mit der Absicht, sie später durch die dort gemachten Fotos zu refinanzieren, halte ich für ein sehr schwieriges Unterfangen. Nur durch Bildagenturen lässt sich das kaum generieren. Deswegen würde ich dazu raten, vor der Reise eine Geschichte zu recherchieren, die man dann am Ort fotografisch umsetzt. Eine Geschichte, die sich um jemanden herum strickt. Ein Weinbauer in der Provence, eine Austernzüchterin auf Sylt, ein Liftboy im Plaza in New York, egal, eine Geschichte, die etwas Persönliches aus dem Leben des Protagonisten erzählt. Diese Geschichte lässt sich in einer Zeitung, einem Magazin oder einer Online-Redaktion zumindest noch als Ganzes platzieren. Geschichten sind immer gesucht. Und wenn sie thematisch reizvoll oder spannend sind, finden sie Abnehmer. Einzelbilder tun sich da viel schwerer. Und das dokumentarische Abfotografieren von Reisezielen ist meiner Ansicht nach völlig out. Anders sieht es mit Stimmungsbildern in frühen oder späten Lichtern aus, so wie das Westend61 seinen Fotografen immer wieder sagt. Das geht immer. Solche Bilder sind sogar geeignet, mit farblichen Veränderungen oder Filtern einen eigenen Stil herausarbeiten. Den halte ich für wichtig. In der analogen Fotografie funktionierte das mit verschiedenen Filmtypen. In den 1980er Jahren konnte man fast jeden Modefotografen an der Farbgebung seiner Bilder erkennen.

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

Du bist ja schon lange in der Stockfotografie tätig. Wir zwei kennen uns mittlerweile auch schon lange und bereits vor vielen Jahren meintest du, mit den neuen Digitalkameras kann jeder ein gutes Stockbild machen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Reisefotografie durch Amateure besonders unter die Räder kam. Hier war der Preisverfall in den letzten Jahren besonders schlimm. Wie gehst du damit um?
In der Tat gelingen fast jedem Amateur mit der mittlerweile ausgefeilten Kamerasoftware heutzutage viele gute Bilder. Durch die Webseiten bekannter oder guter Fotografen kann man zudem wie durch ein riesiges Kaufhaus spazieren und sich jede Menge Ideen und Inspiration holen. Das füllt den Markt. Aber auch schon viel früher wurden von Fotografen Szenen aus Magazinen nachgestellt und nachfotografiert, ähnlich den Malern, die im Louvre fast eins zu eins die großen Meister nachmalen.
Das ist lehrreich und legitim zugleich. Alle haben einmal so angefangen. Und der Weg in die Bildagentur ist heute leicht zu finden, für jeden. Somit quillt der umkämpfte Markt über von guten Bildern, speziell in der Reisefotografie. Dass an genau dieser Stelle nur noch eine gute Bildagentur helfen kann, wissen alle Westend61-Fotografen. Ich kenne sehr viele Bildagenturen und habe einige selbst durchlaufen. Viele davon sind auf der Strecke geblieben, vielen fehlt noch heute das schlüssige Konzept. So gesehen sind die Regeln für gute Stockvermarktung einfach: Die richtige Agentur, ausgesuchtes und variables Bildmaterial und den eigenen Stil herausarbeiten. Ok, ein Auge für das Bildkonzept sollte nicht fehlen.

Wie unterscheidet sich die Stockfotografie von deinen Aufträgen?
Anfang 1994 kam ich zu der Bildagentur laif in Köln. Zu der Zeit eine tolle kleine Agentur. Autorenfotografie hieß das damals. Die Fotografen gaben ihre für Magazine produzierten Geschichten zur Zweitverwertung in die Agentur. Das komplette Material. Für uns war der Begriff Stockfotografie nicht von Belang. Es war eine reine Zweitverwertung. Bilder wurden wieder und wieder verkauft und generierten eine Menge Geld. Von Stockfotografie hörte ich das erste Mal 1995 in New York. Photonica hieß der japanische Ableger und ich ließ mir bei den Bildredakteuren einen Termin geben. Zunächst aus Neugier. Ich präsentierte vor allem meine Havanna Bilder und die Redakteure waren sehr begeistert. Ich bekam sofort einen Vertrag. Zwar waren meine Arbeiten mehr redaktionellen Ursprungs, das störte aber keinen. Im Gegenteil, das war eine Erweiterung für das Material der Agentur, die tatsächlich Fotografen für sich produzieren ließ. Das war mir neu und ich verstand das kaum. Aber zwei drei Jahre später versuchte ich mich mehr in das Denken einer Stockagentur zu versetzen und produzierte gezielt Material dafür. Anfangs wenig, weil ich zu der Zeit genügend Aufträge von Redaktionen hatte. Mit Westend61 kam mehr und mehr der Gedanke, auch reines Stockmaterial zu produzieren. Das hing auch mit dem starken Umsatzrückgang in den konventionellen Zweitverwerter-Agenturen zusammen. Heute mischt sich das und ich mache nach verfügbarer Zeit auch gerne reines Stockmaterial, Bilder, die ich nur und gezielt für die Agentur produziere. Der Unterschied zu meinen Aufträgen ist hier die Freiheit ohne Vorgaben zu fotografieren, die aber nicht weniger Disziplin erfordert.

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

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© Mel Stuart aka Arthur Selbach/Westend61

Wie du ja aus vielen Gesprächen und auch aus unserer Community weißt, ist die Lifestyle-Fotografie trotz allem Preisverfalls in den letzten Jahren immer noch lukrativ. Dir ist der Umgang mit Menschen vor der Kamera nicht fremd. Kannst du dir vorstellen, im Bereich der Stockfotografie nochmal umzusatteln oder bleibst du bei der Reisefotografie?
Das würde ich gar nicht mal als Umsatteln bezeichnen. Es ist für mich eher ein fließender Übergang in die Fotografie mit Menschen. In meinen Auftragsarbeiten sind viele Themen mit und um Menschen herum und viele dieser Bilder sind inszeniert. Das ist kaum anders möglich, weil die gezielte Lichtsetzung diesen Aufwand erfordert. Oder die Geschichte fordert ein Bild, das selbst etwas erzählt.

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© Arthur Selbach/Westend61

Wohin ging deine letzte Reise und wohin geht deine nächste?
Meine letzte Reise ging auf einem Kreuzfahrtschiff ins Mittelmeer. Kalt, schwieriges Wetter, sehr viel Wind. Umstände, auf die man keinen Einfluss hat und die eine solche Reise schnell anstrengend werden lassen. Dennoch muss auch hier abgeliefert werden. Am Ende sind ein paar sehr schöne Bilder rausgekommen und der Kunde war sehr zufrieden. Die nächste Reise? Ja, tatsächlich könnte es Kuba werden. Ein bisschen muss das Glück noch helfen.

Kommen wir zur letzten Frage: Warum ist Westend61 die richtige Heimat für deine Bilder?
Als ich zum ersten Mal in München in die Westendstraße 61 kam, das müsste Anfang 2004 gewesen sein, traf ich dort ein paar verrückte junge Leute voll mit verrückten Ideen. Sie waren offen, lustig, sympathisch und irgendwie auch zielstrebig. Sie hatten eine Vision. Das hat mir gefallen und ich ließ dort eine große Kiste Kleinbilddias zurück. Dass die (damals) drei etwas draus machen würden, war mir klar. Der Markt war indifferent und das bot einiges an Möglichkeiten. Dann sind sie in das Boot gestiegen und den Zambezi River hinunter geraftet. Ziemlich cool. Da fühlen sich meine Bilder wohl, und ich auch.

Lieber Arthur, vielen Dank für das Gespräch.

 

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