Vor einiger Zeit haben wir auf unserem Blog unsere Gipfelstürmer-Lightbox vorgestellt. Dabei haben wir auch von Alex Honnold berichtet, der sich jahrelang intensiv auf ein Ziel vorbereitet hat: das Erklimmen von El Capitan. Das knapp 1.000 Meter hohe Felsmassiv im Yosemite-Nationalpark, Kalifornien, stellt mit seiner vertikalen Auslegung auch für die erfahrensten Kletterer eine Herausforderung dar. Alex hat noch einen draufgelegt und hat den Anstieg ohne Sicherung gewagt, in vollem Bewusstsein, jeder falsche Handgriff könnte sein letzter sein. Ein kleiner Fehler würde ihn also mit höchster Wahrscheinlichkeit das Leben kosten.

Zur Lightbox "Risiko"

Das hat uns schon damals vor die Frage gestellt, warum er dieses fast vier Stunden andauernden Risiko eingegangen ist. Die Gründe sind schier einfach, aber auch manchmal nicht so ganz einfach, für normale Menschen nachvollziehbar. Es sei sein Traum gewesen, den er sich nun endlich ermöglichen konnte. Dazu sucht er ständig Motivation und Inspiration in seiner Leidenschaft, Tugenden, die ihn ins Extreme geführt haben. Nun ist Alex Honnold sicherlich kein Mensch wie viele andere. Er mag zwar unscheinbar wirken, jedoch ist sein Mindset und seine Beziehung zu Ängsten und Risiken nicht pauschal vergleichbar. Wir blicken also einmal mehr in die Breite der Gesellschaft, und zwar auf diejenigen, denen das nahe Stehen an einem Abgrund ein wenig die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Wir fragen uns, was uns Risiken in Kauf nehmen lässt?

High angle view of male hiker rock climbing - CAVF543220

Risiko mit Gewinn: auch mal Augen zu, bei der Partnerwahl

Wir können Risiken in zwei grundsätzliche Varianten aufteilen. Zum einen gehen wir Risiken ein, hinter denen wir eine Gewinnchance vermuten. Diese Risiken sind teils alltäglich, wie zum Beispiel Geschäftsentscheidungen. Diese sind zumeist mit Risiken verbunden. Zumeist sollte aber das mögliche positive Ergebnis das Risiko überwiegen. Die volle Bandbreite an möglichen Unwägbarkeiten weist dabei sicherlich der Aktienmarkt auf. Hier können wir kalkuliert vorgehen oder auch schlichtweg ganz verwegen zocken.

Stylish mature businessman wearing blue suit balancing on railing of bridge - DIGF03279

Letztendlich treffen wir im beruflichen Umfeld am häufigsten Entscheidungen, die mit Risiken verbunden sind, denn das Ziel ist es, erfolgreich zu sein: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Das fängt beim Einstellen eines neuen Mitarbeiters an und steigert sich zum Beispiel bis zum Kauf oder Verkauf eines ganzen Unternehmens.

Full length of businessman playing on chair at park - CAVF16137

Auch als unabhängige Individuen gehen wir regelmäßig Risiken ein. Stellt Euch vor, wir swipen nach rechts und legen uns sogar bei der Partnerwahl manchmal fest. Ja, auch 2019 passiert das noch. Wir haben die Hoffnung in rechte Romantik noch nicht aufgegeben. Interessant ist an dieser Stelle auch, wie die Risikobereitschaft anderer auf uns wirkt. Wenn Alex Honnold ungesichert in 1.000 Meter Höhe aufsteigt oder Felix Baumgartner sich aus 37.000 Metern gen Erde stürzt, sind unser Münder weit aufgerissen, mindestens so groß wie die Kniepartie unserer Kinderhosen. Wir bewundern Menschen, die Risiken eingehen, und fragen uns, ob wir das auch könnten. Wie aber reagieren wir, wenn uns das direkt betrifft? Wer Familie hat, sollte sich an dieser Stelle mal fragen, wie sie/er es fände, wenn sich der eigene Mann oder die Frau mit einem Fallschirm von der ISS abspringen würde. So richtig sexy ist der Gedanke irgendwie nicht, oder?

Run over man lying on road - KNSF00815

Risiko mit Kick

Ein Königreich für eine gelungene Überleitung: Felix Baumgartner und die waghalsige Ehefrau von Uwe, 59 aus Wanne-Eickel, führen uns direkt zur zweiten, zu einer sehr sexy anmutenden Risikovariante, und das ist die mit dem Kick. Die meisten Extremsportler würden es mit Sicherheit nicht abstreiten: Wir gehen Risiken auch ein, um aus ihnen etwas für unser Gefühl zu gewinnen, an ihnen zu wachsen, für den Energieschub, den sie mit sich bringen.

Man next to large fissure on Solheimajokull glacier, Vik, Iceland - CUF02897

Wer sich schon mal an einen Bungee-Jump gewagt hat oder mit Haien geschwommen ist, der wird dieses grandiose Gefühl kennen. Natürlich ist das eine Typenfrage. Hier trennen sich sicherlich Menschen am deutlichsten in risikofreudig und eben zurückhaltender.
Wie kommt diese Risikobereitschaft zustande? Unser Überlebenshormon Adrenalin durchströmt unseren Körper, und wir erleben ein maximales Hochgefühl.

Highlining at the Fruit Bowl in Moab, Utah. - AURF00904

Höher, schneller, weiter: Adrenalin ist eine gesunde Droge. Doch auf die Dosis kommt es an!

Wer ein Risiko überwindet oder durchsteht, surft auf der Hormonwelle, ganz einfach wie ein Junkie. Risiko kann eine Droge sein und damit auch zu Krankheiten führen, wie die Spielsucht. Ein weiteres Beispiel ist der Extremsport. Irgendwann reicht der bloße Kick nicht mehr aus. Ein erlebter Kick, eine gemeisterte Prüfung kann bei Wiederholung nicht zum gleichen Kick führen. Dadurch wird die Suche nach einem neuen Kick teilweise krankhaft, und die eigenen Ziele sind mit immer größeren und nachhaltigeren Risiken verbunden.

Caucasian man laying on train tracks - BLEF00550

Das Prinzip Risikokompensation

Ein weiteres Phänomen ist die Risikokompensation oder auch der Peltzman-Effekt. Der Namensgeber, ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, entdeckte in seinen Forschungen den Zusammenhang zwischen Risikominderung unserer Umwelt, zum Beispiel durch technische Entwicklungen (Antiblockiersystem) und einer steigenden Risikobereitschaft in der Gesellschaft (aggressivere Fahrweise, nahes Auffahren). In anderen Worten: Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit oder der Arbeitssicherheit können ganz oder teilweise unwirksam sein oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden, weil die Verkehrsteilnehmer oder auch Arbeitnehmer sich sicherer fühlen. Wie es scheint, ist der Mensch also grundsätzlich ein tendenziell risikosuchendes Wesen.

Switzerland, Grosser Mythen, young woman on a hiking trip sitting on a rock at sunrise -  LHPF00038

Leben mit oder ohne Risiko?

Risiken sind notwendig für unsere Charakterentwicklung, denn ein Leben unter der Käseglocke ist keine Alternative. Wir benötigen sie, um eben ein Gefühl für unsere Risikobereitschaft zu bekommen. Das Gegenteil würde Stillstand bedeuten: Niemand kaufte und finanzierte sich das Eigenheim oder würde im Job aufsteigen. Es gilt ein Gleichgewicht zu finden, zwischen eben dieser Bereitschaft und auch der Verantwortung, die wir für uns selber und unsere Mitmenschen tragen.

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