Das Spannungsverhältnis zwischen Einzelnem und Gesellschaft, zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Ich und Wir ist so alt wie die Menschheit. Als der Homo sapiens noch als Jäger und Sammler durch die Lande zog, ständig bedroht von aggressiven Artgenossen, wilden Tieren, Hunger und den Unbilden der Natur, war zum Tode verurteilt, wer sich von der Gruppe absonderte: Er verlor den Schutz, den die Gemeinschaft bot.

Das ist lange her und im frühen 21. Jahrhundert angekommen, sieht sich der Mensch in den modernen Industrienationen gänzlich anderen Rahmenbedingungen ausgesetzt: Der Säbelzahntiger ist ausgestorben, der Kühlschrank bei den meisten Leuten voller, als ihnen gut tut, Vater Staat passt auf uns auf und wir leben trocken in beheizten Häusern. Natürlich ist das Leben immer noch voller Risiken, doch die sind meist weit weniger existenziell als in der Steinzeit.

67% der Deutschen ist ihre Unabhängigkeit besonders wichtig

Das bedeutet auch, dass der Mensch unserer Tage mehr Zeit und Muße hat, sich selbst und seinen Platz in der Welt zu verorten und zu gestalten. In den modernen Gesellschaften ist ein starker Trend zur Individualisierung vieler Lebensbereiche zu erkennen. In einer hochtechnisierten und digitalisierten Moderne, die mehr Freiheiten bietet, als sich unsere Vorfahren je erträumen konnten, die aber gleichzeitig auch immer komplexer und unübersichtlicher wird, nimmt das Bedürfnis des Einzelnen zu, sein ganz eigenes, unverwechselbares und für ihn stimmiges Lebenskonzept zu entwerfen und zu leben.

© Marco Govel/Westend61

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Untersuchungen des Zukunftsinstituts belegen diesen Trend mit Zahlen. Laut einer Erhebung des Instituts ist nicht weniger als 67 Prozent der Deutschen ihre Unabhängigkeit besonders wichtig, verbunden mit dem Wunsch, sein Leben selbst bestimmen zu können. Im europaweiten Single-Ranking belegt Deutschland mit 20 Prozent Alleinstehenden, das sind rund 16 Millionen Menschen, den zweiten Platz nach Dänemark mit einer Single-Quote von 23 Prozent.

© Giorgio Fochesato/Westend61

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Auch bei denjenigen, die nicht allein leben, ist eine zunehmende Individualisierung der Formen des Zusammenlebens festzustellen: Die klassische „Normfamilie“ bekommt mehr und mehr Konkurrenz durch unverheiratete Paare, Alleinerziehende, „Patchwork-Familien“, Mehrgenerationenhäuser und andere Modelle.

© Sandra Bielmeier/Westend61

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Diese Entwicklung scheint darauf hinzudeuten, dass ein gewisses Maß an Gemeinschaft, nur eben maßgeschneidert auf die eigenen Bedürfnisse, den meisten Menschen auch in Zeiten fortschreitender Individualisierung immer noch wichtig ist – der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen.

Die Unangepasstheit des Rebellen

So gesehen, wäre es verfehlt und würde zu kurz greifen, den Trend zur Selbstverwirklichung pauschal als rücksichtlosen Egoismus und Phänomen einer „kälter werdenden Gesellschaft“ abzutun, wie dies oft geschieht. Denn die oben genannten Zahlen des Zukunftsinstituts sind nur die halbe Wahrheit: In der gleichen Untersuchung geben die Befragten neben einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben auch eine glückliche Partnerschaft (76 Prozent), Engagement für die Familie (80 Prozent) und gute Freunde sowie enge Beziehungen zu anderen Menschen (85 Prozent) als besonders wichtig und erstrebenswert an.

© Josep Rovirosa/Westend61

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Individualität hat viele Gesichter: Es kann die Unangepasstheit eines Rebellen sein, der gegen tradierte Normen aufbegehrt und damit bei den einen Missfallen erregt, während er für die anderen zum Vorkämpfer einer neuen Lebensweise wird. Diese Nonkonformität kann uns auch auf spielerischere Weise begegnen in jemandem, der einfach einmal aus der Reihe tanzt, sei es durch auffallende Kleidung, unangepasstes Verhalten oder unkonventionelle Vorschläge zur Lösung eines Problems. Konflikte zwischen den Generationen liegen oft darin begründet, dass die Nachgeborenen mitunter „ihren eigenen Kopf“ haben, ihrem eigenen Stern folgen möchten. Kreativität und Erfindergeist sind oft bei ausgeprägten Individualisten stark ausgeprägt. Individualität kann ihren Ausdruck finden in dem Mut, über Horizonte hinauszudenken, zu neuen Ufern aufzubrechen, Neuland zu betreten – auf welchem Feld des Lebens auch immer.

© Marco Govel/Westend61

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Wie man immer sie auch nutzt: Persönliche Freiheit ist immer nur so viel wert, wie das, was man daraus macht: Die unübersehbare Vielfalt an Wahlmöglichkeiten, die wir heute in vielen Lebensbereichen haben, ist nicht ein selbstverständlicher Luxus, sondern auch die Verpflichtung, die Spanne der eigenen Lebenszeit sinnvoll zu nutzen – einen kleinen, unverwechselbaren Fußabdruck in der Geschichte der Menschheit zu setzen, sich aber auch als Teil eines größeren Ganzen zu sehen.