Der Wald als Sehnsuchtsort stressgeplagter Seelen
„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten…“ Diese Worte stammen aus dem frühen Aussteiger-Buch „Walden“ von Henry David Thoreau (1817-62). Er beschreibt darin sein Leben in einer abgelegenen Blockhütte und seine Abkehr vom modernen Leben in den USA des 19. Jahrhunderts, das zunehmend von der Industrialisierung und ihren Auswirkungen geprägt war.

Thoreaus Suche nach einem alternativen Lebensstil ist zeitlos und fand seitdem viele Nachahmer, wie zum Beispiel im jungen Christopher McCandless, der 1992 seinen Traum von ultimativer Freiheit in der Wildnis Alaskas mit dem Leben bezahlte.
Doch man muss kein weltentrückter Outdoor-Enthusiast sein, um den Wert der grünen Welt ums uns herum zu schätzen. Der Wald ist für viele Menschen ein mystisch aufgeladener Sehnsuchtsort, denn er steht für Stille, Naturnähe, aber auch für Abgeschiedenheit und Selbstfindung. Gerade viele lockdowngeplagte Großstädter empfanden das in den vergangenen Monaten besonders stark. Wie sehr die Menschen die körperlich wie seelisch heilsame Wirkung der Natur suchen und schätzen, zeigen nicht nur überfüllte Wandergebiete, sondern auch die Titelseiten der Zeitschriftenregale: überall Magazine über kleine Abenteuer im Freien. Und auch in der Mode hat der Outdoor-Trend längst Einzug gehalten. Kurz gesagt: Outdoor ist in und nichts verkörpert dies so sehr wie der Wald.

Die grüne Apotheke um die Ecke
Nun ist es nicht jedem gegeben alle Brücken zur Zivilisation abzubrechen und auf der Suche nach sich selbst und dem Kern der Dinge dem Ruf der Wildnis zu folgen. Der Preis wäre den meisten zu hoch: Job, Familie, Freunde, ein sicheres Dach über dem Kopf, Krankenversicherung… Das heißt aber nicht, dass wir nicht immer wieder kleine Fluchten in die Natur unternehmen sollten. Dem Biologen Clemens Arvay zufolge sollten wir alle „versuchen unsere Verweildauer im Wald zu erhöhen“. Arvay hat die These aufgestellt, dass intensiver Kontakt mit der Natur heilsam für den menschlichen Körper ist.

Vor allem Lunge und Haut profitieren demzufolge von der sauberen Luft des Waldes. Nach Arvays Meinung schwächt vor allem die Trennung des modernen Menschen von der Natur Immunsystem und Abwehrkräfte. Der Aufenthalt im Wald hingegen fördere Regeneration und seelisches Wohlbefinden. Viele von uns kennen das: Schon ein kurzer Spaziergang im Grünen hilft manchmal dabei, aus dem Hamsterrad grüblerischer Gedanken für eine Zeitlang auszubrechen.

Ein Plädoyer für die Freiheit
Thoreaus Einsiedler-Experiment wurde von seinen Zeitgenossen oft hinterfragt, manche taten ihn als verschrobenen Sonderling ab. Doch der der frühe Outdoor-Autor entgegnete seinen Kritikern eigenwillig und überzeugt: „Warum sollte ich mich einsam fühlen? (…) Ich finde es gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wirkt bald ermüdend und zerstreuend. Ich bin unendlich gerne alleine.“

Diese Worte wirken heute, da wir unser aller Leben ständig untereinander in Stories, Reels und Postings teilen, nicht bloß alternativ, sondern systemkritisch, fast schon revolutionär. Thoreau ist hochaktuell, denn er hinterfragt kritisch die Mechanismen der Konsumgesellschaft, deren Räder heute noch viel schneller rasen als zu Thoreaus Lebzeiten. Er präsentiert die grüne Welt vor den Städten als gesunden Gegenentwurf zu technikhörigem Fortschrittsglauben und dem ständigen „Schneller, höher, weiter“. Dabei ist es nicht ohne Ironie, dass gerade High-Tech ein starker Motor für den Outdoor-Boom unserer Tage ist: Die digitale Vernetzung ist auch hier ein starker Trend-Treiber.

Schöne Bilder aus dem Wald können zwar nicht den Duft von Moos und Kiefernnadeln herbeizaubern, aber beim Träumen helfen sie allemal, wenn man gerade nicht real durch den lauschigen Forst streifen kann. Nehmt unsere Wald(en)-Pinnwand als Inspiration, euch auf die Natur zu besinnen und eure Gedanken bei einem kleinen Waldspaziergang fliegen zu lassen.



