Wird KI die Fotografen ersetzen? Ein Interview mit Gerald Staufer, CEO von Westend61
Gerald Staufer ist seit über 20 Jahren Geschäftsführer von Westend61 und hat dadurch einen guten Einblick in die Bildbranche. Mit Khrystyna Kuziv von Fair Licensing hat er sich über die Auswirkungen von KI auf den Bildermarkt unterhalten.
Khrystyna: Gerald, Du bist der Geschäftsführer von Westend61 in München. Sag uns bitte ein paar Sätze über Dich und Deine Agentur.
Gerald: Vor über 20 Jahren habe ich zusammen mit meinem Freund und Geschäftspartner Stephan Bock diese Agentur gegründet mit dem Ziel, hochwertige lizenzfreie Bilder von erstklassigen Fotografinnen und Fotografen zu vertreiben. Das ist uns gelungen. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz, dass wir jetzt so lange Zeit dieses Schiff durch oft stürmische Gewässer steuern und erfolgreich einen authentischen Lifestyle-Content vertreiben, den viele große und kleine Firmen, Werbeagenturen, Verlage und Fernsehsender schätzen und nutzen.
Khrystyna: Wie wird Generative AI Eure Agentur verändern? Ist KI Freund oder Feind?
Gerald: Weder noch. KI ist, um ein viel zitiertes Wort zu benutzen, ein Tool. Wir setzen selbst KI ein. Sie ist zum Beispiel genial, um Bilder zu verschlagworten, genauer als jeder Mensch. Dann dachte ich immer, wir werden nie den Etat dafür haben, eine vernünftige Ähnlichkeitssuche zu programmieren. Jetzt hat das einer unserer Werkstudenten in die Hand genommen und hat mit einem Open Source Modell eine solche Suche entwickelt, mit der wir wirklich happy sind. Allerdings ist das ja alles keine KI, also Intelligenz, sondern wir profitieren halt von den enormen Fortschritten beim maschinellen Lernen. Was unser Produkt betrifft, so schärft die generative KI unsere Sinne für die Qualität von echten Bildern, wir werden noch selektiver und besser. Konkurrenz belebt das Geschäft, wir fokussieren uns mehr denn je auf unsere Kernkompetenzen.
Khrystyna: Ihr sucht mit den Worten ECHT. EMOTIONAL. FAIR‘ nach Fotografen. Kann KI Emotional und Echt sein und einen guten Fotografen ersetzen?
Gerald: Also echt kann sie auf keinen Fall sein. Der Slogan zielt darauf ab, dass sowohl die Menschen vor als auch hinter der Kamera echt sind. Ich denke, Emotionen, wie sie mit der Kamera eingefangen werden, können die Generatoren noch nicht ausspucken. Die Haut in den Gesichtern ist zu glatt, die Zähne zu perfekt, die Haare sitzen wie betoniert, alles ist einfach ziemlich stereotyp. Aber klar, in der Social Media Werbung mag das funktionieren, da mögen solche Instant-Bilder ausreichen. Vielleicht sind da ab und an sogar übertriebene unecht und künstlich wirkende Emotionen, die fast karikaturhaft sind, besser, weil Leute an solchen “lauten” Bildern eher hängenbleiben. Aber ich weiß es nicht, warten wir Untersuchungen ab, die es bestimmt bald dazu geben wird. Ich gehe aber davon aus, dass es bald eine Übersättigung mit KI-Bildern geben wird, man kann das irgendwann nicht mehr sehen.
© Westend61 / EyeEm / Talia Ali
Khrystyna: Wie beurteilst Du die Qualität von AI-generierten Bildern im Vergleich zu traditionell aufgenommenen Fotos? Und worin siehst Du die Unterschiede in der Bildästhetik zwischen AI-generierten Bildern und solchen, die von Menschen erstellt wurden?
Gerald: Lass mich vorweg sagen, ich spreche hier immer über das Spezialgebiet von Westend61, die People-und Lifestylefotografie. Mit KI kann man sich so manch verrücktes Bild generieren lassen, das nicht so ohne weiteres fotografisch umzusetzen ist. Man kann seiner Kreativität freien Lauf lassen und Sachen ausprobieren. Ich habe selbst schon witzige Bilder damit erzeugt, die andere zum Lachen gebracht haben. Wenn es aber um unser Metier, die Lifestyle-Fotografie für die Werbung geht, dann wirken mit KI generierte Bilder fast alle gleich langweilig. Die Unschärfe, die erzeugt wird, sieht aus wie beim iPhone, sie ersetzt kein erstklassiges Objektiv der bekannten Marken wie Canon, Nikon, Sony usw.. Die Haut der Gesichter wirkt meist unnatürlich oder ist überschärft. Die Zähne sind strahlend weiß und sitzen kerzengerade, in der KI-Welt werden Zahnärzte überflüssig. Diese Makellosigkeit ist unglaubwürdig. KI erzeugt zum Teil schlimme Stereotypen, irgendwie sind wir wieder in einer Bilderwelt unterwegs, die eigentlich schon seit längerer Zeit überwunden war. Noch vor 10 oder 15 Jahren wurden mit Stockfotos fragwürdige und irreale Frauen- und Männerbilder transportiert. Die Frauen waren alle schlank, hatten meistens lange und gerne blonde Haare, die Männer waren eher durchtrainierte Typen mit breitem Kinn, alle waren perfekt gekleidet und hatten ein breites Grinsen im Gesicht. All das haben wir dann in den letzten 10 Jahren so langsam überwunden, Authentizität rückte in den Vordergrund. Endlich durften die Menschen menschlich sein. Auch mit all ihren Makeln und verschiedenen Identitäten und jetzt dreht die KI das Rad wieder zurück. Ganz einfach deshalb, weil sie unter anderem mit uralten stereotypen Bildern aus Bildagenturen trainiert wurden und viele Anwender diese Frauen- und Männerbilder anscheinend gefällig finden. Die Maschinen generieren ja dann gerne das, was den Anwendern gefällt. Zu dem Thema Bildgeneratoren und Stereotypen empfehle ich übrigens einen sehr aufschlussreichen Artikel aus der Washington Post.
Am Ende sehen die mit KI generierten Bilder irgendwann alle gleich aus, es fehlt den Bildern einfach an Nuancen bei den Emotionen, dem Augenzwinkernden, wenn du verstehst, was ich meine, sie wirken irgendwie seelenlos. Und sobald mehrere Menschen abgebildet sind, wird es oft vogelwild. Die manchmal kaum mehr erkennbaren Gesichter schneiden Grimassen, Hände befinden sich an Stellen, wo sie nicht hingehören, die Proportionen sind falsch, man entdeckt Artefakte und Bildfehler ohne Ende.
Bei Symbolbildern ohne Menschen verhält sich das sicher alles anders, sie sind leichter ersetzbar. Kommt aber auf die Größe an, auf fast allen Bildern ist vieles schief und krumm, wenn man sie sich genauer und in hoher Auflösung ansieht.
© Westend61 / EyeEm / Laetizia Haessig
Khrystyna: Was hört ihr von Euren Kunden? Experimentieren die schon mit KI generierten Bildern? Was sind die Rückmeldungen?
Gerald: Einige Kunden wollen explizit keine KI-Bilder haben, sie akzeptieren nur Bilder, auf denen echte Menschen abgebildet sind. Viele halten sich eher bedeckt oder es ist für sie kein Thema, aber da wir trotz KI stabile Umsätze haben, gehe ich mal davon aus, dass die Nachfrage nach authentischen und hochwertigen Lifestyle-Bildern nach wie vor groß ist. Meines Erachtens wird sie sogar bald noch größer, weil jede Bewegung eine Gegenbewegung erzeugt und diese Stereotypen, die wir dann überall sehen, schreien geradezu nach mehr Echtheit.
Aber ja, es wird einiges damit gemacht. Ich habe interessante Beispiele gesehen wie kürzlich einen Titel auf der Apothekenumschau, bei der es um Hypochonder ging, aber auch unendlich viele grauenhafte, die ich ab und an bei LinkedIn in verschiedenen Beiträgen zeige (https://www.linkedin.com/in/geraldstaufer/recent-activity/all/). Ich kann es nicht fassen, dass Qualität auch für manche namhafte Marken plötzlich überhaupt keine Rolle mehr spielt und jedes noch so peinliche Bild veröffentlicht wird. Hauptsache billig, Hauptsache KI. Ich nenne es gerne visuelle Verwahrlosung. Aber ich denke doch, das sind Kinderkrankheiten, das wird es bald so nicht mehr geben, es ist einfach zu peinlich für Marken, die eigentlich für Qualität stehen wollen, jetzt aber Leute mit zusammengewachsenen Händen und tausend anderen Bildfehlern in ihrer Werbung zeigen. Das schafft nicht unbedingt Vertrauen.
Zurück zu unseren Kunden. Ich weiß nicht, ob sie auch mit solchen schlimmen Bildern arbeiten, aber ich glaube eher nicht, die legen Wert auf Qualität, aber natürlich experimentiert jeder Kreative damit herum, das ist ja ganz normal und natürlich hat das auch seine Berechtigung, wenn gute Ergebnisse dabei herausspringen wie bei der Apothekenumschau. Solche Bilder gibt es nicht bei Bildagenturen und ein Shooting wäre dafür zu teuer oder aufwändig gewesen.
Es gibt übrigens noch einen Aspekt, der Kunden davon abhält, mit KI-Bildern zu arbeiten. Die Rechtsunsicherheit. Diese Bilder haben kein Urheberrecht und die rechtliche Lage ist insgesamt unsicher. Stell dir vor, du kaufst ein Bild für eine große Kampagne und im Prompt steht, es soll im Stile eines berühmten Fotografen sein und der macht dann Ärger, weil er sich kopiert fühlt und vielleicht klagt. Was für ein Albtraum. Wenn man ein Bild kauft, möchte man eine Lösung haben und nicht ein weiteres Problem. Mit unseren Bildern hat man immer eine sehr gute Lösung.
Khrystyna: Könnte der Wert echter Fotografie steigen, wenn die Welt von KI generierter Photographie überschwemmt wird?
Gerald: Davon bin ich überzeugt. Wie schon gesagt, jeder Hype endet irgendwann und jede Bewegung kennt eine Gegenbewegung. Ich glaube, es wird eine Bildwelt geben made by AI und eine made by humans, die einen ganz eigenen Wert hat. Fotografie war, ist und bleibt eine spannende Form, mit der kreative Menschen sich ausdrücken. Das stirbt niemals aus. Aber beide Welten werden ihren Platz auf dem Markt finden und es wird hybride Formen geben. Fotografen werden KI-Tools einsetzen, um ihre Bilder zu verändern und einen besonderen Twist zu geben. Das gibt es ja schon längst mit dem Photoshop, aber es wird halt noch einfacher werden. Am Ende werden die Fotograf*innen am erfolgreichsten sein, die richtig gut fotografieren können, aber auch den Umgang mit den neuen Tools gut beherrschen.
© Westend61 / Joseffson
Khrystyna: Sollte man ein KI generiertes Bild urheberrechtlichen Schutz genießen? Warum? Warum nicht?
Gerald: Im Moment ist es einfach so, dass ein rein von einer Maschine generiertes Bild keinen urheberrechtlichen Schutz genießt. Das ist auch richtig so. Egal, welchen noch so kreativen Prompt man eingibt, du bist am Ende immer davon abhängig, was die Maschine erzeugt, es ist kein menschliches Werk, das dabei herauskommt. Ist allerdings die Grundlage das Bild eines Fotografen und er verändert es selbst mit Hilfe von KI-Tools, dann bleibt sein Urheberrecht bestehen. Das ist ja auch richtig so, ist die aktuelle rechtliche Lage und das finde ich gut so.
Khrystyna: Gib uns ein flammendes Schlussplädoyer: Warum werden Westend61 und andere Agenturen mit hochwertiger, echter Fotografie auch in Zukunft gebraucht!
Gerald: Das ist ganz einfach. Weil Menschen immer Menschen sehen wollen, schwer vorstellbar, dass zukünftig Testimonials von der KI generiert werden und weil wir Menschen uns unsere Kreativität nicht von Maschinen wegnehmen lassen werden. Die ist und bleibt etwas ganz Besonderes. Das ist das emotionale Argument. Das rationale ist, dass Fotografen weiterhin viel schneller und besser zu den richtigen Ergebnissen kommen und man nicht stundenlang am richtigen Prompt feilen muss. Das kann bei so manchen hochpreisigen Werbeagenturen auch ganz schön teuer werden und viele Kunden werden dann lieber zum Original greifen.
© Westend61 / Maskot
Lass mich zum Schluss noch einen Gedanken formulieren.
Was wäre, wenn alle Werbe- und Stockfotograf*innen mit dem Fotografieren aufhören und Bilder nur noch generiert werden? Diese Maschinen wären plötzlich völlig selbstreferenziell. Die Trainingsdaten wären die Stereotypen, die beim Generieren erschaffen werden und am Ende entstünde ein großer Einheitsbrei, den wir ja jetzt schon sehen, weil die Maschinen schon von den eigenen Bildern lernen.
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das die Zukunft der Fotografie ist. Deshalb wird echte Fotografie auch in Zukunft gebraucht.






