Das Eintreten für die Gleichberechtigung der Frauen ist nicht neu: In diesem Jahr wird mit dem 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts eine wichtige Wegmarke auf diesem langen Marsch gefeiert. Doch dieser Prozess ist alles andere als abgeschlossen, und es bestehen nach wie vor Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Miteinander der Geschlechter. So wie sich die Zeiten ändern, wandelt sich auch das Gesicht des Feminismus. Das gilt umso mehr in den schnelllebigen Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung, zwei großen Phänomenen, die gleichsam als Katalysatoren auch für diesen Trend wirken: Das Emanzipationsstreben früherer Jahrzehnte hat sich zur „Female Force“ des frühen 21. Jahrhunderts gewandelt.

„Force“ umschreibt gut die Breitenwirkung, die dieser Trend vor allem durch die Nutzbarmachung des Internets entfalten konnte. Das Engagement für schon seit Jahrzehnten bestehende Anliegen weiblicher Gleichberechtigung kann heute, etwa über die Social-Media-Kanäle, eine ungleich größere Öffentlichkeitswirkung entfalten als früher. Ein gutes Beispiel hierfür ist die „Me-too“-Kampagne, in der Frauen im Internet weltweit und millionenfach über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch berichteten – nicht nur um die Täter anzuprangern, sondern auch, um die gesellschaftliche Sensibilität für dieses immer noch tabubehaftete und teilweise verharmloste Problem zu erreichen. In diesem Zusammenhang steht auch das Eintreten gegen diskriminierende und sexualisierte Werbung.

Neudefinition der Geschlechterrollen

Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und den eigenen Lebensentwurf ist ein zentrales Anliegen weiblicher Gleichberechtigung. Ging es in den 1960er- und 1970er-Jahren bei den Konflikten um den Paragraphen 218 vor allem um die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs („Ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine“; „Mein Bauch gehört mir“) und um sexuelle Befreiung, so ist es heute vor allem der Einsatz für die Akzeptanz der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Lebenskonzepte von Frauen: Kind oder Karriere, Kind und Karriere, Single oder Paarbeziehung (heterosexuell oder gleichgeschlechtlich). Und natürlich geht es zudem um bessere Chancengleichheit und mehr Gerechtigkeit in Ausbildung und Beruf, etwa beim Zugang von Frauen zu Führungspositionen und beim Kampf für gleichen Lohn für Männer und Frauen im selben Job.

Der Makrotrend „Female Force“ steht für eine Neudefinition der Geschlechterrollen in den westlichen Gesellschaften. Das traditionelle Rollenverständnis von Männern und Frauen tritt zunehmend in den Hintergrund. In der modernen Arbeitswelt setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass überwiegend weiblich assoziierte „soft skills“ wie soziale und kommunikative Kompetenzen nicht nur das Zusammenleben und -arbeiten leichter machen, sondern manchmal geradezu Voraussetzung für die Realisierung von Zielen sind. Frauen nehmen im Berufsleben eine immer wichtigere Rolle ein. Das hat zum einen damit zu tun, dass Frauen heute selbstbewusst in bislang von Männern dominierte Berufsfelder drängen und sich dort bewähren, und es ist zum anderen eine Konsequenz aus dem Mangel an Fachkräften, der sich angesichts des demografischen Wandels abzeichnet.

Statement für Vielfalt der Lebensstile

In manchen ländlichen Regionen Deutschlands stellen junge Frauen inzwischen die Mehrheit der gut ausgebildeten jungen Menschen, was mitunter zu Problemen und Verwerfungen führen kann: Die flexiblen und gut ausgebildeten jungen Frauen wandern ab und suchen ihr berufliches und privates Glück woanders, während die alten Menschen und die teils perspektivlosen und weniger mobilen jungen Männer zurückbleiben – die Folge sind die Verschärfung regionaler Strukturschwächen und in der Folge sozialer Unfrieden. Man könnte ganz einfach sagen: Diese Damen machen es den Herren der Schöpfung vor, wie es gehen kann… eine Entwicklung, die von manchen männlichen Anhängern traditioneller Geschlechterrollen als regelrechte Bedrohung gesehen wird und im schlimmsten Fall in Gewalt gegen Frauen gipfeln kann (…und nicht selten einhergeht mit reaktionärem oder rechtsextremem Gedankengut…).

Doch natürlich bringt die „Female Force“ nicht nur Reibungsflächen mit dem vermeintlich starken Geschlecht mit sich, wenn die Herren der Schöpfung bei der Begegnung mit selbstbewussten Frauen ihr überliefertes Selbstverständnis auf die Probe gestellt sehen. Denn auch im romantischen Miteinander von Mann und Frau kann die „Female Force“ ihre produktive Wirkungsmacht entfalten: Wurde früher vom Mann erwartet, dass er bei der Anbahnung einer Beziehung den ersten Schritt wagt, so wird sich heute kaum noch jemand darüber wundern, wenn „Sie“ deutlich ihr Interesse an „Ihm“ bekundet und als Erste Flirtsignale sendet.

Der Makrotrend „Female Force“ bezieht seine Dynamik, wie andere gesellschaftliche Strömungen auch, aus dem Megatrend Individualisierung. Demzufolge beschreibt der Begriff „Female Force“ nicht nur das öffentlichkeitswirksame und selbstbewusste Eintreten für frauenspezifische Anliegen, sondern ist darüber hinaus ein Statement für das bunte Nebeneinander verschiedener Lebensstile, das wir hier kürzlich unter dem Begriff „Lifestyle Diversity“ vorgestellt haben. Der Feminismus in seiner postmodernen Ausprägung ist Teil einer global vernetzten Popkultur geworden, die für mehr Toleranz im Leben aller Menschen steht.

Das Frauenbild, das in diesem Trend zum Ausdruck kommt, hat natürlich längst in vielfältiger Weise in die Bildersprache der Fotografie Eingang gefunden. Denn „Female Force“ hat viel Potenzial, wenn es um die Vermittlung von Bildbotschaften geht. Dieser Makrotrend bietet ein weites Feld für Fotografen, die sich variantenreich das Spannungsfeld zwischen traditionell „männlich“ und „weiblich“ besetzten Motiven kreativ zunutze machen können: etwa sportliche, kämpferische Frauen, die sich in bisherigen Männerdomänen behaupten – zum Beispiel als Chefin, beim Boxen, auf einem schnellen Motorrad oder natürlich auch in einem technischen Beruf. Solche Bilder vermitteln nicht nur Botschaften für die Gegenwart, sie werden eines Tages gesellschaftsgeschichtliche Zeitdokumente sein: Sie sind Momentaufnahmen vom steten Wandel im Verhältnis der Geschlechter, das immer wieder neu gefunden und ausgehandelt werden muss – ein Prozess, der nie endet.