Ecken und Kanten – darüber haben wir kürzlich hier geschrieben – sind in der Fotografie nicht nur für Bildaufbau und -gestaltung wichtig. Sie sind auch im übertragenen Sinne von Bedeutung, wenn es um die Abbildung von Menschen geht. Denn erst Ecken und Kanten machen eine Persönlichkeit aus, die für etwas steht. Diese Typen paddeln nicht brav im Strom mit, sie stehen zu ihrer Überzeugung und ihrem Stil. Sie können sich durchsetzen und wahren ihre Individualität, trauen sich anders zu sein, sind unabhängig und gehen mutig ihren eigenen Weg durchs Leben: Sie sind so, wie wir alle sein möchten – und eignen sich deshalb gut als Identifikationsfiguren, weil sie sich nicht unterkriegen lassen von den Widrigkeiten des Alltags und ihnen auch mal frech die Zunge rausstrecken.

© ZONECREATIVE/Westend61

Aber sie wären keine Originale, wenn sie nicht auch manchmal ein bisschen schwierig wären. Das sind dann eben die Kanten, die nicht nur für eine verlässliche Richtung stehen, sondern an denen sich ihre Mitmenschen schnell mal ein paar blaue Flecken (…im Idealfall nur bildlich…) holen können. Unangepasste sind halt keine Teddybären, und ihr Verhalten kann manchmal etwas irritierend wirken. In ihrer Geradlinigkeit sind sie zwar verlässlich, in bestimmten Situationen kann ihre klare Haltung aber auch als verletzend, takt- oder empathielos wahrgenommen werden. Sie können durchaus streitbar sein, wenn sie es für nötig halten.

© DANIEL KRÖLLS/Westend61

Es sind also zwei Seiten einer Medaille, die einen Charakterkopf ausmachen und die sich bei einem guten Model in ausdrucksstarker Mimik widerspiegeln. Die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten ist dabei genauso groß wie die Bandbreite menschlicher Charaktereigenschaften und Gefühlsregungen. Es kommt eben darauf an, was gerade gefragt ist, um ein Thema zu illustrieren: Auf der einen Seite des Spektrums kann es also beispielsweise jemand sein, der Lebenserfahrung, Freundlichkeit und Güte ausstrahlt.

© KNIEL SYNNATZSCHKE/Westend61

Am anderen Ende der Palette taucht dann vielleicht ein Zeitgenosse auf, dem man lieber nicht im Dunklen begegnen möchte, weil bei ihm möglicherweise ein paar Regler bedenklich in Richtung „Psychopath“ verschoben sein könnten. Er könnte aber durchaus ein hilfreicher Verbündeter sein, wenn es beispielsweise darum geht, säumige Schuldner zur zügigen Tilgung ihrer Verbindlichkeiten zu bewegen oder … vielleicht ist er auch nur ganz einfach ein netter älterer Herr mit ein paar Eigenheiten. Wenn dann ein paar Fragezeichen bei der Einordnung bleiben, kann das auch unterhaltsam und interessant wirken.

© JAN TEPASS/Westend61

In Zeiten einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft muss sich die Werbebranche allmählich vom Idealbild des ewig jugendlichen, faltenlosen und immer dynamischen Überfliegers verabschieden. Wir kaufen es diesem stromlinienförmigen Kasper ohnehin nicht mehr ab, wenn er uns glauben machen will, dass er dereinst nach 80 Jahren eines ebenso problem- wie ereignislosen Daseins optimistisch, sportlich-schlank und wie fabrikneu in die Grube fahren wird. Wie viel interessanter sind doch da die Gesichter älterer Menschen, in denen ein gelebtes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen seine Spuren hinterlassen hat, und deren Ausdruck gerade dadurch authentisch und glaubwürdig wirkt.

© ZONECREATIVE/Westend61

Mehr noch: Ein gewisses Maß an Lebensalter und -erfahrung ist Voraussetzung dafür, dass jemand überhaupt erst ein unverwechselbarer Typ werden kann. Dazu gehört, dass man schon einmal vor die Wand gerannt und wieder aufgestanden ist, Erfolge gefeiert und Schiffbruch erlitten hat und deshalb gelernt hat, einen kühlen Kopf und die Übersicht zu bewahren. Zur Glaubwürdigkeit trägt auch bei, wenn sich jemand traut Gefühle zu zeigen:

Ärger und Wut lassen uns ergrimmt die Faust ballen.

Traurigkeit übermannt uns so, dass auch mal Tränen fließen.

© Rainer Holz/Westend61

© MANU PRATS/Westend61

Fröhlichkeit und Freude bringen uns zum Lachen.

© ZONECREATIVE/Westend61

Bei der Auswahl eines passenden Models sind also Individualität statt Konformismus, Unverwechselbarkeit statt Austauschbarkeit, Profil statt Konturlosigkeit, kurzum Klasse statt Masse gefragt. Und kaum etwas ist – auch bei siebeneinhalb Milliarden Menschen – so einzigartig wie das menschliche Antlitz. Markante Gesichter sind ein wichtiges Element funktionierender Bildersprache, denn mit ihrer Ausdrucksvielfalt sagen sie mehr als viele Worte – vorausgesetzt, sie haben das gewisse Etwas. Denn nicht berufsjugendliche Dauergrinser, sondern markante Charakterköpfe prägen erfolgreich ganze Werbekampagnen und überleben im kollektiven Gedächtnis – manchmal sogar sich selbst: Man denke nur an den einsamen Cowboy, der immer ein bisschen zu viel rauchte…

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