Sicherheit — unser aller größter Wunsch
Die Corona-Pandemie hat ein existenzielles Grundbedürfnis aller Menschen ins kollektive Bewusstsein gerückt: den Wunsch nach Sicherheit. Staatlich angeordnete Maskenpflicht und Kontaktverbote sind die augenfälligsten Sicherheitskonzepte in diesem Zusammenhang. Der Ausbruch der Pandemie warf bei den allermeisten die drängende Frage auf, wie sie sich und andere schützen können, nicht nur vor dem Virus an sich, sondern auch vor den Begleiterscheinungen der Pandemie.

Die Palette reichte vom smartem Social Distancing bis hin zu Hamsterkäufen von Toilettenpapier. In welcher Ausprägung auch immer, ob übertrieben oder nicht, im Kern sind solche Verhaltensweisen Ausdruck unseres Wunsches nach Sicherheit. Fragen wir uns also doch einmal: Wie steht es heute eigentlich um unsere Sicherheit?
Plötzlich ist die Gefahr da
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Deshalb haben wir uns auch an ein hohes Maß gefühlter Sicherheit gewöhnt. Denn es steht wohl außer Frage, dass bisher kaum eine Generation – insgesamt gesehen – in solch sicheren Zeiten leben durfte wie wir Menschen der westlichen Welt heute. Diese Überzeugung, eigentlich nichts wirklich Schlimmes könne in unseren Gesellschaften passieren, kommt allenfalls kurz ins Wanken.
Beispiele sind die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder auch „kleinere“ Katastrophen wie der Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Im Allgemeinen kehrt unser Leichtigkeits- und Wohlfühlbefinden nach solch dramatischen Ereignissen jedoch relativ schnell wieder zurück. Zu weit weg sind diese Tragödien zumeist, um uns aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen – und uns bewusst zu machen, dass das Leben tatsächlich zu jeder Sekunde eine böse Überraschung parat haben kann.



Naturgemäß lehnen wir Veränderung ab, wenn es sich um eine Verschlechterung handelt. Wir lieben den Status Quo. Wenn nun aber eine existenzielle Bedrohung in Gestalt einer Pandemie in unser aller Leben einbricht, eben nicht nur durch Medien zu uns ins Wohnzimmer getragen, sondern allgegenwärtig, vor unserer Tür und über unseren Köpfen, dann bricht uns verständlicherweise erst einmal der Angstschweiß aus: Weg ist sie, unsere Sicherheit. Und wir merken, dass in der modernen Welt keineswegs alles beherrschbar ist.



Auch wenn uns unser Staat die Unantastbarkeit der Menschenwürde garantiert, kann er doch nicht immer und überall unser Leben gegen ein Virus schützen, es allenfalls versuchen. Nun wissen wir, wie es ist, wenn sich eine Situation schlagartig ändert. Und viele von uns spüren die Sicherheit, die sie vorher umgab, erst dann, wenn wir uns plötzlich in einer Atmosphäre der Unsicherheit wiederfinden.
Vorsichtiges Zurücktasten in eine neue Normalität
Egal wie viele Versicherungen wir abschließen, egal wie vorsichtig wir sind: Ein gefahrenfreies Leben gibt es nicht. Einzig in unseren Gedanken gibt es die diese Illusion. Die Unsicherheit, die Gefahr oder das Übel, wie wir es auch nennen mögen, findet immer einen kleinen Spalt, um sich Zugang und Entfaltungsmöglichkeiten zu verschaffen.


Aktuell sind es die Lockerungen der Einschränkungsmaßnahmen, die viele sorgenvoll die Stirn runzeln lassen. Nach wochenlangen Diskussionen über die richtige Balance zwischen bürgerlicher Freiheit und staatlich verordnetem Gesundheitsschutz haben wir nun den Weg in etwas gefunden, das sich fast wie Freiheit anfühlt — pünktlich zum Sommer. Fakt ist, unsere allmählich zurückkehrende Normalität ist eine trügerische, denn die Infektionszahlen können sich durch die Lockerungen auch rasch wieder verschlechtern. Aber andererseits muss auch unser Leben weitergehen.

Das heißt aber auch, aus den Dingen zu lernen und sein Verhalten zu ändern. Wir brauchen ein neues Sicherheitsdenken, zu dem neben einer realistischen Risikoeinschätzung auch moralische Werte wie Rücksichtnahme, Fürsorge und soziales Bewusstsein gehören. Wer krank ist, sollte sich keine Gedanken über seinen Job machen müssen, oder sich gar gezwungen fühlen, sich krank in die Arbeit zu schleppen. Denn Sicherheit ist nicht nur eine Sache des Staates oder der Versicherungskonzerne, sondern beruht auch auf der Empathiefähigkeit und dem Verantwortungsbewusstsein eines jeden Einzelnen von uns.



