Warum Body Positivity in der Stockfotografie wichtig ist
Die digitale Revolution hat nicht nur Licht-, sondern auch Schattenseiten. Der Siegeszug von Social Media beispielsweise hat uns nicht nur besser miteinander vernetzt, sondern auch einen übersteigerten Schönheitskult gefördert. Dieser physische Perfektionismus setzt viele Menschen unter starken Druck. Insbesondere bei jungen Frauen führt das oft zu der Zwangsvorstellung, einem unglaubhaft geschönten Körperideal entsprechen zu müssen. Die Folge sind Frustration, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Minderwertigkeitsgefühle. Ein wichtiges Thema für Fotograf*innen, geht es doch um die Frage, welche Identifikationsfiguren wir den Betrachtern unserer Bilder präsentieren möchten und wie authentisch unsere Fotos sein sollen.



Gefragt sind glaubwürdige Identifikationsfiguren
Diese Frage drängt sich umso mehr auf, als sich seit einigen Jahren eine Gegenströmung zum übersteigerten, absolute Makellosigkeit fordernden Beauty-Hype formiert: Die „Body-Positivity“-Bewegung tritt dafür ein, unrealistische und diskriminierende Schönheitsideale abzuschaffen. Visuelle Kommunikation, insbesondere in der Werbung, und damit auch die Stockfotografie müssen diesen Trend berücksichtigen. Denn zunehmend sind glaubwürdigere Identifikationsfiguren als das strahlende Model mit Garde- und Idealmaß gefragt: Menschen wie du und ich, deren charakterliche wie auch körperliche Verschiedenheit die Diversität einer modernen und offenen Gesellschaft spiegelt.
Der Zwang, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen oder zumindest nahezukommen, ist nicht neu: Man denke nur an die im wahrsten Wortsinn atemberaubenden Korsette, in die junge Frauen im 19. Jahrhundert gezwängt wurden, um ihre Taille gertenschlank erscheinen zu lassen. Das Aufbegehren gegen diese Form von Bevormundung und wortwörtlicher Einengung war mehr als die Rebellion gegen unbequeme Kleidervorschriften. Der aufkommende Feminismus politisierte das Thema aufoktroyierter Schönheitsideale, indem er es mit der Forderung nach weiblicher Gleichberechtigung verknüpfte.



Raus aus dem Zwangskorsett übersteigerter Schönheitsideale
150 Jahre später ist das Thema aktuell wie nie, hat doch die weltweite digitale Vernetzung eine unabsehbare und unendliche Bilderflut ausgelöst. Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Fotos der Sparte „People & Lifestyle“ beeinflusst und prägt unsere Vorstellungen von Schönheit viel stärker, als es etwa eine Modezeitschrift des späten 19. Jahrhunderts vermocht hätte. Das geht mit einer gewissen visuellen Übersättigung einher. Als Folge wird scheinbar makellose körperliche Vollkommenheit zunehmend als austauschbar und damit langweilig, aber auch als künstlich wahrgenommen.

Doch der „Body-Positivity“-Bewegung geht es um mehr: Sie will deutlich machen, dass die Propagierung eines übertriebenen Schönheitskults immer auch eine Abwertung all derer bedeutet, die ihm nicht entsprechen können oder wollen. Damit wird das Eintreten für einen selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper – ganz egal, ob er nun dick oder dünn, klein oder groß, glatt oder faltig, jung oder alt ist – auch politisch. Denn „Body Positivity“ ist nichts weiter als eine weitere Facette im Streben nach Gleichberechtigung und im Kampf gegen jede Form von Diskriminierung und Ausgrenzung.


Statement für die Vielfalt in einer offenen Gesellschaft
Deshalb ist es für uns von Westend61 ganz klar, dass jeder Körpertyp in der Werbung gezeigt werden sollte. Denn gerade das Abweichen von einem bestimmten stereotypen Ideal macht die Vielfalt menschlichen Lebens sichtbar. Diversität, das Nebeneinander der unterschiedlichsten Lebensentwürfe und -konzepte ist ein bestimmendes Merkmal einer freien Gesellschaft. Diese menschliche Vielfalt abzubilden, ist nicht nur interessant und abwechslungsreich, sondern auch ein Statement für ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander trotz aller Unterschiede.

Aber natürlich, da wollen wir ganz ehrlich sein, geht es auch darum, wie gut wir unsere Bilder verkaufen können. Starke Stockfotos und gute Kampagnen leben nicht nur von Typen und Gesichtern mit dem gewissen Etwas, sondern sie sprechen auch möglichst viele Menschen an – Leute wie dich und mich, und nicht wie Barbie & Ken.



