Zwischen Großstadt und Kartoffelbeet
Wie viele Bezirke hat Berlin? 12? Falsch! Wer es noch nicht mitbekommen hat, es sind 13. Seit die Filmemacherin Lola Randl ein kleines Dorf in der beschaulichen Uckermark mit Großstadtkultur belebt und inspiriert hat, tingelt an jedem (Sommer-)Wochenende das hippe Großstadtpublikum ins nördliche Brandenburg. Schon 2018 berichtete der Berliner Tagesspiegel über diese mitunter etwas skurrile Symbiose aus rustikalen ländlichen Traditionen und urban-kosmopolitischem Feingeist.

Der Hipster-Traum vom Landleben
Die Szenerie in diesem Ort namens Gerswalde ähnelt manchmal real gewordenen Bildern aus einem Magazin oder Instagram-Account: Jeder Moment scheint wohlbesonnen arrangiert, jede Kartoffel per Hand einfühlsam in den Boden einmassiert und jedes Blumengesteck mit achtsam-akkuratem Bedacht gebunden. Die moderne Designküche matcht perfekt mit dem alten Landhaus – so sieht das durch die rosa Brille von Großstädtern idealisierte Landleben aus.
Wie komme ich darauf? Zugegeben mir war Gerswalde bis vor kurzem kein Begriff. Mein Wissen über Berlin endet an den Grenzen der Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte. Eine romantische Vorstellung von der Uckermark habe ich trotzdem schon lange. Das hat mit meiner Passion für den Radsport zu tun. Ausflüge auf zwei Reifen sind für mich als Wahl-Hamburger meine persönliche Form der Stadtflucht. Und Radlerfreunde haben mir erzählt, dass die Uckermark ein Paradies für Pedalritter sein soll. So hat sich die Vorstellung von dieser Gegend als einem Sehnsuchtsort in meinem Kopf festgesetzt. Ich will dorthin, denn das Auge isst und strampelt bei meinen Touren schließlich immer mit. Die Lektüre von Saša Stanišićs uckermärkischem Provinzroman „Vor dem Fest“ tat ein übriges um das Verlangen zu befeuern. Dort gewesen bin ich aber noch nicht, Alpenpässe und iberische Inseln lockten mich mehr. Aber irgendwann muss ich da hin, und aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben.

Es wurde Zeit für einen Selbstversuch
Die Kunde vom ländlichen Hipster-Dorado Gerswalde erreichte mich just zu einer Zeit, als ich selbst ein wenig vom Landflucht-Virus infiziert wurde. Das hatte ganz sicher auch mit dem anderen, unangenehmeren Virus zu tun, der uns alle so lange in Fesseln legte und vielen die Decke ihrer Stadtwohnung auf den Kopf fallen ließ. Also fing ich selbst an Salat, Karotten und Mangold im eigenen kleinen Gemüsegartens zu ziehen. Um der manchmal klaustrophobischen Atmosphäre der Großstadt zu entfleuchen, habe ich mich im Hamburger Umland bei meiner Familie in einem niedersächsischem Dorf einquartiert.

Es ist ein Experiment: Ich lebe nun schon seit 34 Jahren auf diesem Planeten, davon etwa 15 in der Großstadt – jetzt möchte ich mal das krasse Gegenteil ausprobieren, diese Erfahrung später nicht missen müssen – man lebt schließlich nur einmal. Was soll ich sagen: Ich habe das Leben auf dem Land komplett angenommen, fahre nun Trecker statt Tram und buddle jeden Morgen fleißig Kartoffeln. Ich lerne, was es heißt, mit dem Land zu leben, lerne vom und über das ländliche Leben. Ich lerne Menschen kennen, die schnell kreative Lösungen finden, wenn mal etwas nicht so funktioniert. Manchmal fehlt mir aber auch die quirlige Vielfalt des Großstadttrubels in Hamburg, der rege Austausch mit anderen.

Standortbestimmung zwischen Stadt und Land
Vielleicht habe ich meinen Platz zwischen Land und Großstadt noch nicht so ganz gefunden, aber ich will weiter versuchen, beide Lebensformen miteinander zu vereinbaren. Ein Besuch von Freunden aus der Stadt, die dann meine selbstangebauten Kartoffeln serviert bekommen, ist da schon mal ein guter Anfang. Und ich habe festgestellt: Es muss ja auch gar nicht gleich Gerswalde sein. Es sollte eher ein Ort sein, an dem man merkt, dass der tägliche Flat White für 3,60 Euro eben doch nicht der subkulturelle Alleskönner ist. Viel mehr schätze ich ohnehin die Ruhe und dieses Sich-selbst-genug-sein dieser neuen Lebensform.

Bilder aus dem Gemüsegarten
Für die Bebilderung dieses Artikels habe ich mir bewusst eine Gemüsegarten-Produktion von Malte Jäger ausgesucht. Das Leben als Selbstversorger gibt mir viel: nicht nur Genuss für den Gaumen, sondern auch Inspiration für die Seele, es hat etwas Meditatives. Es mag banal klingen, aber ich finde jetzt zurück zu den essenziellen Dingen im Leben, weiß wieder wann was wächst und wie ich es zu pflegen habe. Es ist, ganz simpel, ein Leben nicht nur auf, sondern auch mit dem Land.



