Veränderung – eine Gesellschaft vor vielen Fragezeichen
“If we could change ourselves, the tendencies in the world would also change. As a man changes his own nature, so does the attitude of the world change towards him… We need not wait to see what others do.”
Dieses Mahatma Gandhi zugeschrieben Zitat mit der Kernbotschaft „Be the change you want to see in the world“ ist heute unverändert aktuell. Man denke nur an die neu entflammte Rassismusdebatte nach der Ermordung des schwarzen US-Amerikaners George Floyd durch den weißen Polizisten Derek Chauvin.
Denn Gandhi thematisierte mit seinen Worten nicht nur die fruchtbare Wechselwirkung persönlicher und gesellschaftlicher Veränderung. Er machte auch deutlich, dass eine Änderung individueller persönlicher Einstellungen nur dann soziale Wirkung entfalten kann, wenn sie mit der Bereitschaft zum Handeln einhergeht. Denn auch Passivität begünstigt soziale Missstände wie die Diskriminierung bestimmter Gruppen.
Eine ausschließlich auf gesunden Menschenverstand ausgerichtete Denkweise kann Probleme manchmal eher verschärfen als zu ihrer Lösung beizutragen. Denn es reicht nicht, die vermeintlich richtige Einstellung zu politischen und sozialen Themen zu haben; man muss gesellschaftlichen Missständen auch aktiv entgegentreten. Zu tief sitzen die Wurzeln für Rassismus, Ungleichbehandlung von Frauen und soziale Ungerechtigkeit.
Wir möchten in diesem Artikel nicht im Detail auf das Rassismus-Problem in den USA eingehen, sondern uns generell mit notwendigen Veränderungen hin zu mehr Gleichberechtigung für Minderheiten befassen. Hierfür genügt es eben nicht, sich von diskriminierenden Einstellungen abzugrenzen.
Es geht auch darum, Denkstrukturen und Verhaltensmuster abzulegen, die unser tägliches Handeln leiten. So, wie wir sie irgendwann gelernt haben, müssen wir sie wieder „verlernen“, wenn wir unsere gesellschaftlichen Strukturen von tief verankerten Missständen heilen möchten. Denn Bedingung für eine solche Heilung ist das Ablegen von Einstellungen und Verhaltensweisen, die uns als „normal“, weil gesellschaftlich toleriert, anerzogen wurden.
Das Problem mit der Normalität
Machen wir dazu eine kleine Runde Gehirn-Jogging und stellen wir uns einmal folgende Situation vor: In einem Café führen wir ein Gespräch über Geschlechterrollen in der Arbeitswelt und dabei fällt das Wort „Cis-Mann“ oder „Cis-Frau“. Jemand schnappt diese Begriffe auf und steht zunächst vor einem Rätsel. Also fragt man nach oder googelt das Wort. Dort kann man dann lesen: „Als Cis-Mann/Cis-Frau werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.“
Ohne hier die Moralkeule schwingen zu wollen: Sicher wird sich nun der eine oder die andere fragen, ob man denn statt Cis-Mann/Cis-Frau nicht einfach „normal“ sagen könnte. Und damit stehen wir vor dem Problem und der Frage: Wer bestimmt eigentlich, was „normal“ ist? Heißt „normal“, dass ein Großteil der Menschen einer bestimmten Norm entspricht? Und bedeutet das dann, dass alle anderen „unnormal“ sind? Und ist letzteres Adjektiv dann nicht irgendwie ein (ab)wertendes Label, das diesen Menschen angeheftet wird?
Es sind solche grundsätzlichen Fragen, die wir vor allem zunächst uns selbst und niemand anderem stellen müssen. Wir müssen sie für uns beantworten und diese Antworten mit unseren Mitmenschen diskutieren. Wir müssen solche Dinge aber auch stärker als bisher in unserem Bildungssystem thematisieren, damit sie mehr gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten können.
Und wir brauchen eine neue Normalität, die nicht mehr der bisher gewohnten Definition von „Normalsein“ entspricht, sondern in der Vielfalt gleichwertiger Teil des Ganzen ist. Seien wir uns also des Privilegs bewusst, in einem freien Land zu leben, und nutzen wir diese Freiheit, um das voranzubringen, was unsere Gesellschaft benötigt: Veränderung hin zu mehr Toleranz.









