Eskapismus: Darf man einfach mal so aus der Realität entfliehen?
Einfach mal die Tür hinter sich zu machen und dem Alltag mit all seinen Sorgen ade sagen – ein Wunsch, der vermutlich so alt ist wie die Menschheit. Reden wir also heute mal über ein Phänomen namens Eskapismus. Dieser Begriff bezeichnet die Wirklichkeitsflucht aus der realen Welt mit ihren Anforderungen in eine imaginäre Scheinexistenz, in der sich alles leichter und besser anfühlt. In einer modernen Leistungsgesellschaft, in der man immer schön funktionieren und Performance abliefern muss, ist das nicht besonders gut angesehen, denn „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Aber stimmt das so pauschal?



Entscheidend sind Dosis, Dauer, Motiv und Methode
Durch Internet und Unterhaltungsindustrie haben wir heute mehr Möglichkeiten zum Abtauchen in Scheinwelten als je zuvor. Das macht Eskapismus zu einem hochaktuellen Thema. Und in persönlichen oder gesellschaftlichen Krisenzeiten verstärkt sich naturgemäß noch einmal der Wunsch, einer als unangenehm empfundene Realität zu entfleuchen. Ist das verwerflich, vielleicht sogar schädlich, oder ist das manchmal okay? Es kommt wohl vor allem drauf an warum, wie lange und vor allem wie wir das tun.
Fangen wir mit dem schweren Geschütz an: Auch exzessiver Alkohol- oder Drogenkonsum kann eine Form von Eskapismus sein, die im Endeffekt logischerweise mehr schadet als nützt, weil man sich damit die Gesundheit ruiniert. Ähnliches gilt für Online-Gambling, ausufernden Social-Media-Konsum, Serienmarathon vor der Glotze, Kaufrausch, Völlerei, lendenerlahmende Sexsucht oder auch Work-aholismus.


Kleine Fluchten aus dem Alltag sind lebensnotwendig
Wer ein grundsätzliches Problem mit sich selbst, der Welt oder beiden hat, muss sich ihm irgendwann stellen, will er es bewältigen. Umfährt man die Baustellen im eigenen Leben immer nur großräumig, werden sie nur noch größer – und irgendwann geht gar nichts mehr. Passive Berieselung oder Betäubung jedweder Art wirken da also nur kurzzeitig entlastend, helfen aber langfristig nicht die Dinge wieder in den Griff zu bekommen. Möglicherweise packt man nur noch ein Sucht- und/oder finanzielles Problem obendrauf…



So weit zu den Schattenseiten. Doch jetzt die gute Nachricht: In vernünftigen Dosen genossen – und vor allem bewusst gestaltet – ist Eskapismus auch etwas Gesundes und sogar Lebensnotwendiges. Wir alle brauchen kleine Fluchten aus dem Getriebe des Alltags, um wieder zu uns selbst zu kommen und die Batterien aufladen zu können. Da reicht manchmal schon ein erfrischender Spaziergang, der die wirre Gedankenwolke auflöst und den Stresspegel zurückregelt. Yoga, autogenes Training, Atemübungen, Meditation und andere Entspannungstechniken sind weitere Methoden, um mal eine Weile aus dem Hamsterrad auszusteigen und wieder zu innerer Ruhe zu kommen. Auch in gesunden Maßen betriebener Ausdauersport kann zu diesem Ziel führen.

Der wesentliche Unterschied zum passiven und gedankenlosen Konsum von Ablenkungen liegt darin, dass wir hier selbst aktiv werden müssen, um den erwünschten Zustand der Ausgeglichenheit zu erreichen. Wir müssen also, so paradox das klingt, aktiv werden um zur Ruhe zu kommen.
Zeigt Eurem inneren Sklaventreiber doch einfach mal den Mittelfinger!
Die zunehmende Zahl psychischer Erkrankungen zeigt, wie wichtig in der heutigen Zeit Entspannung und Abschalten sind. Wir brauchen diese Auszeiten als Ausgleich zur realen Welt mit all ihren Problemen. Also sollten wir sie uns ruhig gönnen, auch wenn unser innerer Vorarbeiter rügend den Zeigefinger hebt. Ausreichend auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu achten, ist nämlich nicht Ausdruck von Egoismus oder Faulheit, sondern notwendige Selbstfürsorge. Also zeigen wir dem Sklaventreiber in uns doch ruhig auch mal einen Finger, und zwar den mittleren… Und dann drehen wir uns um und sind mal kurz weg. Das kann sich nicht nur richtig gut anfühlen, sondern sieht auch noch gut aus: Werft doch mal einen entspannten Blick auf unsere „Aussteiger“-Pinnwand mit Stockfotos zum Thema ESKAPISMUS.



