Menschen, Licht und echte Emotionen: Lisa Tymokhina im Interview

Dass Stockfotografie alles andere als „von der Stange“ sein muss, beweist Lisa Tymokhina (40) eindrucksvoll. Die ehemalige Wissenschaftlerin bringt eine ganz eigene Präzision und Symbolik in ihre Arbeiten ein – inspiriert von René Magritte und ihrer Vergangenheit als Höhlenforscherin. Im Interview gibt sie uns einen tiefen Einblick in ihren Arbeitsalltag in Kiew, erklärt ihren optimierten Workflow und verrät, warum Authentizität in Zeiten von KI das höchste Gut bleibt.
Uns ist aufgefallen, dass du sehr gut mit Licht umgehen kannst. Deine Bilder sind nicht nur inhaltlich stark, sondern auch aus technischer Sicht von sehr hoher Qualität. Daher unsere erste Frage: Kannst du uns in zwei Sätzen erzählen, wer du als Person bist und wie du zur Fotografie gekommen bist?
Vielen Dank für eure große Wertschätzung!
Ich würde mich als Entdeckerin im Herzen beschreiben – mit einer Kamera 🙂 Bevor ich zur Stockfotografie kam, arbeitete ich in der Wissenschaft – genauer gesagt in der Karstologie (der Erforschung von Höhlen, Anm. d. Red.). Diese Arbeit beinhaltete viele Expeditionen, bei denen ich anfing, Naturfotos zu machen und lernte, wie man in Höhlen mit Blitz fotografiert – technisch anspruchsvoll, aber faszinierend. Das Gefühl, ein kleiner Mensch in einem riesigen unterirdischen Raum zu sein, hat mich tief inspiriert. Ich fühle mich immer noch dazu hingezogen, die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umgebung zu erforschen – auch in der Lifestyle-Fotografie.
Wie bist du zur Stockfotografie gekommen und wie hast du Westend61 entdeckt?
Mit der Zeit faszinierte mich die Fotografie über mein Hobby hinaus, was mich dazu brachte, mich intensiver damit zu befassen und neue Wege zu erkunden. Ich fand einen lokalen Fotoclub, in dem ich mehr über Stockfotografie lernte und lud 2012 meine ersten Arbeiten bei Microstock-Anbietern hoch. Einige Jahre später, auf der Suche nach weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, begann ich, mich nach Agenturen umzusehen. Dabei hat mich Vasily Pindyurin inspiriert und seine guten Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Westend61.
Seit mehr als vier Jahren beobachten wir mit Sorge den Krieg in deinem Land und wie Russland die Ukraine weiterhin angreift. Das muss sehr schwer für dich sein. Umso mehr bewundern wir, wie es dir gelingt, unter diesen Umständen so großartige Bilder zu machen. Wie ist es heute, in Kiew zu fotografieren, und wie war die Situation vor dem Krieg?
Vielen herzlichen Dank für eure Unterstützung! Im Jahr 2022 war ich gerade dabei, meine Bewerbung für Westend61 vorzubereiten. Rückblickend betrachtet haben mir dieses Ziel und die dafür erforderliche Konzentration emotional sehr geholfen. Wenn man schlafen geht und nicht weiß, ob das eigene Zuhause am nächsten Morgen noch intakt sein wird, überdenkt man unweigerlich, was wirklich zählt, und erkennt, wie wichtig es ist, ohne Zögern zu handeln. Gleichzeitig gibt es Phasen, in denen keine Kraft für Kreativität bleibt. Fotoshootings werden oft durch Luftangriffswarnungen unterbrochen, manche Locations wurden beschädigt, manchmal gibt es stundenlang keinen Strom. Unter diesen Bedingungen wird die gegenseitige Unterstützung besonders wertvoll. Selbst nach schlaflosen Nächten aufgrund der Bombardements gibt uns das gemeinsame Arbeiten mit meinen Models das Gefühl, dass das Leben weitergeht. In diesen Momenten entstehen sehr emotionale Bilder. Ich bin den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, zutiefst dankbar.
Dein fotografischer Stil gefällt uns sehr gut. Besonders beeindruckt sind wir von deinen Locations und deinen Models. Die Büros, in denen du fotografierst, sind oft etwas ganz Besonderes – mit großen Glasfenstern, hohen Decken und modernem Interieur. Wie findest du diese Locations und wo findest du deine Models? Und noch eine Frage: Arbeitest du alleine oder mit einem Team?
Vielen Dank! Bei der Stockfotografie muss man immer die Augen nach interessanten Gesichtern und Kulissen offen halten. Kiew hat so viele unglaubliche Orte – einige sind brandneu, während andere als umgenutzte Industrieflächen ein „zweites Leben“ führen. Ich bin ständig online auf der Suche nach neuen Mietobjekten und Models. Ich arbeite lieber allein – das ist die Arbeitsweise, die am besten zu mir passt.



© Westend61 / Elisatim
Du arbeitest seit 2022 mit uns zusammen, aber wir haben das Gefühl, dass du im letzten Jahr richtig durchgestartet bist. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Das ist wahrscheinlich eine Kombination aus mehreren Faktoren. Erstens habe ich ein besseres Verständnis für die spezifische Ästhetik und die Bedürfnisse von Westend61 entwickelt, und ich achte stets darauf, die wertvollen Empfehlungen meines Art Directors zu befolgen. Außerdem habe ich jeden Schritt meines Arbeitsablaufs optimiert, von der Vorbereitung bis zum eigentlichen Shooting. Und was besonders wichtig ist: Ich habe „meine“ Models gefunden – Menschen, mit denen ich mich auf Anhieb gut verstehe.
In deinen Bildern erkennen wir oft einen subtilen Sinn für Humor, den du in starke visuelle Konzepte umsetzt. Zum Beispiel die Serie mit den verkabelten Köpfen, die psychischen Stress oder chaotische Gedanken zeigt. Wie kommst du auf diese Ideen, und was inspiriert dich?
Bei der Planung eines Shootings versuche ich, ernsthafte Business-Bilder mit etwas Verspielterem – sogar Absurdem – auszugleichen. Das ermöglicht den Models, Spaß zu haben, und soll den Betrachter daran erinnern, dass das Leben voller vielfältiger, unerwarteter Momente ist.
Ich liebe es, Symbole und Metaphern zu verwenden. Mein Interesse an Symbolik wurde von René Magritte und dem Surrealismus im Allgemeinen beeinflusst, aber ich werden von fast jedem visuellen Eindruck inspiriert – von Werbung bis hin zum Kino – oder sogar von Wortspielen. Ein gutes Beispiel ist der Arbeitstitel für diese Serie mit den verkabelten Köpfen: „Tangled in Thought“. Es ist im Wesentlichen eine selbstironische Auseinandersetzung damit, wie kreative Menschen bei der Suche nach Ideen erschöpft sein können, den Schaffensprozess aber nie wirklich unterbrechen.



© Westend61 / Elisatim
Gibt es ein Bild, das du schon immer einmal schaffen wolltest?
Ich wollte schon immer einmal ein Shooting auf einem Solarpark machen. Die visuelle Geometrie und die immense Größe sind unglaublich, und ich denke, es wäre eine perfekte Kulisse, um die Beziehung zwischen Technologie und der Natur zu erforschen.
Bitte zeig uns dein Lieblingsbild aus deinem Westend61-Portfolio und erzähl uns, warum es dir am besten gefällt.

© Westend61 / Elisatim
Bei diesem Foto eines verlassenen Gewächshauses geht es mir um die Idee, zwei Welten miteinander zu verschmelzen: die Vergangenheit, in der die Natur dominiert, und die Zukunft mit ihrer Technologie. Wo liegt der Berührungspunkt zwischen diesen Welten und welche Rolle spielt die Menschheit darin? Das ist tatsächlich eines meiner Lieblingsthemen. Ich möchte daran glauben, dass eines Tages alle Kriege enden und das Handeln der Menschen ausschließlich auf die Entwicklung der Menschheit im Einklang mit der Natur ausgerichtet sein wird.
Welchen Rat würdest du jungen Fotografen geben, die gerade erst in die Stockfotografie einsteigen?
Seid mutig, sucht nach neuen Wegen, eure Ideen auszudrücken. Experimentiert! Kopiert niemanden – traut euch, euch selbst auszudrücken. Und zweitens, was in der Stockfotografie ebenso wichtig ist: Setzt auf Planung und Analyse und seid diszipliniert.
Wie siehst du die Entwicklung der KI? Glaubst du, dass sie in den nächsten Jahren die Fotografie, insbesondere die Stockfotografie, ersetzen wird? Oder wird sie eher ein zusätzliches Werkzeug sein? Beunruhigt dich das, oder siehst du dem gelassen entgegen?
Ich versuche, den Einsatz von KI aus beiden Perspektiven zu betrachten: als Fotografin und als Verbraucherin. Bei der Nutzung von KI ist es wichtig, ihre Anwendung und ihren Zweck klar zu verstehen. Da sie so einfach zu bedienen ist, kann man sie auch sehr leicht in Situationen überstrapazieren, in denen sie nicht eingesetzt werden sollte. Als Fotograf sehe ich neue technische Möglichkeiten, und das ist spannend. Aber aus der Perspektive des Verbrauchers bin ich davon überzeugt, dass KI die Stockfotografie nicht ersetzen wird, wenn es darum geht, Vertrauen beim Betrachter aufzubauen. Hochwertige, authentische Fotografie wird weiterhin gefragt sein. Menschen brauchen Menschen! Wenn es bei einem Bild um Emotionen geht – darum, Erfahrung und Aufrichtigkeit zu vermitteln –, hilft Künstlichkeit nicht weiter; sie schwächt vielmehr die Kommunikation. Der Betrachter spürt den Ersatz, was unbewusstes Misstrauen oder Ablehnung hervorrufen kann.
Deshalb ist es meine Aufgabe als Fotografin, technologische Fortschritte im Blick zu behalten und mich gleichzeitig weiterhin auf die Qualität meiner Bilder zu konzentrieren – sie mit Realismus, Ehrlichkeit und Individualität zu füllen.
Was bedeutet die Zusammenarbeit mit Westend61 für dich?
Für mich bedeutet Westend61 den Schritt weg von der Massenproduktion, hin zu bedeutungsvoller Kreativität und einem lebhaften Dialog. Mit Westend61 zu arbeiten heißt, zu einer Community zu gehören, die meine Werte teilt. Ich kann mich zutiefst mit dem Fokus auf Authentizität, Ausgewogenheit und der Freude an den einfachen Dingen des Alltags identifizieren. Es ist ein Ort, an dem sich professionelle Standards mit einer überaus aufrichtigen, menschlichen Atmosphäre verbinden.
Würdest du anderen Fotografen die Zusammenarbeit mit Westend61 empfehlen?
Ja, absolut. Westend61 bietet eine einzigartige Mischung. Man kann sich in einem internationalen Team beruflicher weiterentwickeln, man wird unterstützt und hat die Freiheit, sich als Fotografin oder Fotograf selbst zu verwirklichen. Das ist eine enorm starke Kombination!
Vielen Dank für das Gespräch Lisa!
Link zum Portfolio von Lisa: hier


