Zwischen Großstadt und Kartoffelbeet

Wie viele Bezirke hat Berlin? 12? Falsch! Wer es noch nicht mitbekommen hat, es sind 13. Seit die Filmemacherin Lola Randl ein kleines Dorf in der beschaulichen Uckermark mit Großstadtkultur belebt und inspiriert hat, tingelt an jedem (Sommer-)Wochenende das hippe Großstadtpublikum ins nördliche Brandenburg. Schon 2018 berichtete der Berliner Tagesspiegel über diese mitunter etwas skurrile Symbiose aus rustikalen ländlichen Traditionen und urban-kosmopolitischem Feingeist. 

Stockfoto, lizenzfrei, Nahaufnahme von frischem und biologischem Gemüse in der Schachtel
© Malte Jäger/Westend61

Der Hipster-Traum vom Landleben

Die Szenerie in diesem Ort namens Gerswalde ähnelt manchmal real gewordenen Bildern aus einem Magazin oder Instagram-Account: Jeder Moment scheint wohlbesonnen arrangiert, jede Kartoffel per Hand einfühlsam in den Boden einmassiert und jedes Blumengesteck mit achtsam-akkuratem Bedacht gebunden. Die moderne Designküche matcht perfekt mit dem alten Landhaus – so sieht das durch die rosa Brille von Großstädtern idealisierte Landleben aus.​

Stockbild, lizenzfrei, Frische und biologische Tomaten im Korb, Europe, Germany, Brandenburg, Spreewald, "Landwarenhaus Groß Beuchow", Beuchower Hauptstraße 10, 03222 Luebbenau (Spreewald) OT Groß Beuchow

Von der Großstadt ins Gemüsebeet! Noch mehr Bilder gibt es auf unserer Pinnwand.

Wie komme ich darauf? Zugegeben mir war Gerswalde bis vor kurzem kein Begriff. Mein Wissen über Berlin endet an den Grenzen der Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte. Eine romantische Vorstellung von der Uckermark habe ich trotzdem schon lange. Das hat mit meiner Passion für den Radsport zu tun. Ausflüge auf zwei Reifen sind für mich als Wahl-Hamburger meine persönliche Form der Stadtflucht. Und Radlerfreunde haben mir erzählt, dass die Uckermark ein Paradies für Pedalritter sein soll. So hat sich die Vorstellung von dieser Gegend als einem Sehnsuchtsort in meinem Kopf festgesetzt. Ich will dorthin, denn das Auge isst und strampelt bei meinen Touren schließlich immer mit. Die Lektüre von Saša Stanišićs uckermärkischem Provinzroman „Vor dem Fest“ tat ein übriges um das Verlangen zu befeuern. Dort gewesen bin ich aber noch nicht, Alpenpässe und iberische Inseln lockten mich mehr. Aber irgendwann muss ich da hin, und aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben.

Nahaufnahme der von Hand geernteten Mangoldernte auf dem Bauernhof
© Malte Jäger/Westend61

Es wurde Zeit für einen Selbstversuch

Die Kunde vom ländlichen Hipster-Dorado Gerswalde erreichte mich just zu einer Zeit, als ich selbst ein wenig vom Landflucht-Virus infiziert wurde. Das hatte ganz sicher auch mit dem anderen, unangenehmeren Virus zu tun, der uns alle so lange in Fesseln legte und vielen die Decke ihrer Stadtwohnung auf den Kopf fallen ließ. Also fing ich selbst an Salat, Karotten und Mangold im eigenen kleinen Gemüsegartens zu ziehen. Um der manchmal klaustrophobischen Atmosphäre der Großstadt zu entfleuchen, habe ich mich im Hamburger Umland bei meiner Familie in einem niedersächsischem Dorf einquartiert.

Stockfoto, lizenzfrei, Frau trägt Tochter bei der Bewässerung einer Pflanze im Gemüsegarten, Europa, Deutschland, Berlin, Lichtenberg, Rummelsburger See mit Strahlau im Vordergrund, Spree.
© Malte Jäger/Westend61

Es ist ein Experiment: Ich lebe nun schon seit 34 Jahren auf diesem Planeten, davon etwa 15 in der Großstadt – jetzt möchte ich mal das krasse Gegenteil ausprobieren, diese Erfahrung später nicht missen müssen – man lebt schließlich nur einmal. Was soll ich sagen: Ich habe das Leben auf dem Land komplett angenommen, fahre nun Trecker statt Tram und buddle jeden Morgen fleißig Kartoffeln. Ich lerne, was es heißt, mit dem Land zu leben, lerne vom und über das ländliche Leben. Ich lerne Menschen kennen, die schnell kreative Lösungen finden, wenn mal etwas nicht so funktioniert. Manchmal fehlt mir aber auch die quirlige Vielfalt des Großstadttrubels in Hamburg, der rege Austausch mit anderen.

Lizenzfreies Stockfoto, Lächelnde Freunde unterhalten sich beim Gemüseessen im Garten
© Malte Jäger/Westend61

Standortbestimmung zwischen Stadt und Land

Vielleicht habe ich meinen Platz zwischen Land und Großstadt noch nicht so ganz gefunden, aber ich will weiter versuchen, beide Lebensformen miteinander zu vereinbaren. Ein Besuch von Freunden aus der Stadt, die dann meine selbstangebauten Kartoffeln serviert bekommen, ist da schon mal ein guter Anfang. Und ich habe festgestellt: Es muss ja auch gar nicht gleich Gerswalde sein. Es sollte eher ein Ort sein, an dem man merkt, dass der tägliche Flat White für 3,60 Euro eben doch nicht der subkulturelle Alleskönner ist. Viel mehr schätze ich ohnehin die Ruhe und dieses Sich-selbst-genug-sein dieser neuen Lebensform.

Lizenzfreies Stockfoto, Frau entspannt sich im Liegen auf landwirtschaftlichem Feld, Europa, Deutschland, Berlin, Lichtenberg, Rummelsburger See mit Strahlau im Vordergrund, Spree.
© Malte Jäger/Westend61

Bilder aus dem Gemüsegarten

Für die Bebilderung dieses Artikels habe ich mir bewusst eine Gemüsegarten-Produktion von Malte Jäger ausgesucht. Das Leben als Selbstversorger gibt mir viel: nicht nur Genuss für den Gaumen, sondern auch Inspiration für die Seele, es hat etwas Meditatives. Es mag banal klingen, aber ich finde jetzt zurück zu den essenziellen Dingen im Leben, weiß wieder wann was wächst und wie ich es zu pflegen habe. Es ist, ganz simpel, ein Leben nicht nur auf, sondern auch mit dem Land.

Sebastian Bentzin

Seit über 10 Jahren beschäftigt sich Sebastian von Hamburg aus mit den digitalen Medien. Als Social Media Manager von Westend61 nutzt er immer wieder die Möglichkeit, seinen Beruf und das persönliche Interesse für die Fotografie zu kombinieren.